Christoph Ebner: Bestatter von Rapid-Fans

Christoph Ebner ist Bestatter – und glühender Rapid-Fan. Er organisiert Begräbnisse in Grün-Weiß. Der Weg dorthin begann mit einem persönlichen Verlust – und einer Idee, die lange niemand ernst nahm.

Ein Portrait

Am 13.04.2026 im STANDARD

Christoph Ebner ist im zehnten Bezirk entlang der Quellenstraße aufgewachsen. Die Mama war Hausbesorgerin, der Papa Eisenbahner. Sie schickten den Buben in die Volksschule Bernhardsthal und danach auf den Laaerberg ins Gymnasium: „Mach, was du willst, aber mach was!“, sagten sie zu ihm. Er entschied sich für eine Lehre als Elektriker. Vier Lehrherren verbrauchte er, weil sie Pleite gingen, am Schluss arbeitete er bei der Fa. Rumplmayr in der Sechshauserstraße. Auf die schaut er hinüber, wenn er heute vor seinem Bestattungsinstitut schräg gegenüber im 15. Bezirk steht.

Nach der Lehre zog es ihn aber zunächst in die glitzernde Welt der Casinos, die er aus einschlägigen Filmen kannte: „Fesch angezogen sein, Grüß Sie der Herr, D´Ehre Madame!“ Aber die staatlichen Casinos verlangten „Abschlüsse in Raketenwissenschaft, mindestens Matura.“ Das Concord Card Casino (CCC) draußen im Elften neben dem Goldentime Saunaclub nahm ihn schließlich auch ohne: „Kein Roulette, nur Karten.“ Diese zu mischen lernte er während der ersten zwei Wochen seiner Ausbildung.

„Nach drei Monaten fasste ich dann die Uniform aus und wartete ganz nervös am Pokertisch darauf, dass mir die Damen Küsse zuwerfen würden.“ Als er aber die erste Dame mit „Madame“ anredete, schnauzte diese zurück: „A Madame is‘ a Hur‘!“ Mit einem Schlag war seine Glamourwelt schon in der ersten Nacht zusammengebrochen. Trotzdem blieb er ihr für die nächsten vierzehn Jahre treu, während der er sehr viel Geld verdiente, aber auch sehr viel mehr Geld wieder ausgab.

Einen guten Teil davon für die Heim- und Auswärtsspiele seiner geliebten Rapid. Er reiste nach Athen mit oder nach Innsbruck, wo die CCC-Group ihn bald brauchte: „Die Umgangssprache im Casino ist entweder Deutsch oder Englisch“, erzählt er eine lustige Anekdote. „Aber dort in Innsbruck saßen acht Leute vor mir, zwei Südtiroler, zwei Innsbrucker, zwei Oberlandler und zwei Unterlandler.“ Irgendwann sagte er: „Bitte meine Herren, reden wir doch Deutsch oder Englisch miteinander.“ Man wünschte ihm nichts Gutes – auf Tirolerisch.

Foto: Regine Hendrich

Auch sonst wurde er mit Innsbruck nicht warm. Immerhin eine Service-Mitarbeiterin hatte eine Schwester, die sie jedem vergönnt war, nur nicht ihm. Sie wurde trotzdem seine große Liebe, neben der Rapid, deren Spiele er immer noch besuchte. Je weiter westlich (Bregenz!) er dabei aber kam, desto mehr plagte ihn die Sehnsucht nach seinem geliebten Wien, wo er mit den Banditen und Pülchern aufgewachsen ist in den Wirtshäusern des zehnten Bezirks, die seine jugendliche Kunst, Wienerlieder zu schmettern, stets mit ein paar Schillingen belohnten. „Und worum geht‘s im Wienerlied? Genau! Um den Tod.“

Über den Umweg CCC-Linz näherte er sich seiner Stadt wieder an und tragischerweise auch dem Tod, als 2012 überraschend seine Mama mit 56 starb. Der Bub wurde nur schwer damit fertig, weil er drei Wochen zuvor auf ihren Geburtstag vergessen hatte und sich irgendwie einbildete, dass ihr Herz deswegen aufgehört hätte zu schlagen. Und die Erfahrung mit der Bestatterin? „War schrecklich! Sogar um ein Glas Wasser hab ich dort betteln müssen!“ Die Urne der Mama stand fortan beim Papa im Wohnzimmer, wovon er in der Rückschau auch kein Befürworter ist: „Die Urne links, der Fernseher rechts - der Papa ist daran fast zerbrochen.“

Mit der Mama hatte sich auch sein Traum vom Casino verabschiedet, die goldenen Zeiten neben dem Goldentime waren sowieso längst vorbei. Aber wieder als Elektriker anfangen? Auch keine schöne Vorstellung! Da rief ihn 2018 zufällig ein Freund an, der bei einem Bestatter im Dritten arbeitete, und fragte ihn, ob er nicht aushelfen könne? „Aber was zieh ich an?“ –„ Na, was hast im Casino an?“ Nach all den Jahren am Kartentisch hatte er nach der Leich‘ das Gefühl, endlich wieder mal eine „ehrliche“ Arbeit gemacht zu haben. Außerdem war im Casino immer er schuld, wenn die Leute verloren haben: „Alle waren so negativ!“, erinnert er sich, wohingegen der Mensch, wenn er zum Bestatter kommt, hilflos und überfordert ist. Und dankbar, wenn man es gut macht.

Genau das wollte er also tun: Es gut machen. Was er brauchte, war ein Alleinstellungsmerkma: Immer Wasser bereit zu halten – nicht schlecht! Rapidler zu begraben – schon besser! Er wurde bei Rapid-Vizepräsident Christoph Peschek – „Wir sind ungefähr ein Jahrgang!“ – vorstellig und argumentierte: „Im Fanshop habt ihr Babystrampler, aber keine Urnen. Was soll das?“ Von der Wiege bis zur Bahre sollten die Fans fortan begleitet werden. Der Vize versprach ihm einen Lizenzierungsvertrag, der ihm erlauben würde, das Rapid-Wappen auf Särge, Urnen, Kerzen oder Paten zu drucken. Allein, der Vertrag kam und kam einfach nicht. Fan-Urgestein  Rudolf "Koby" Koblowsky musste Anfang 2020 also noch „ein bisserl amateurhaft“ beerdigt werden.

Foto: Regine Hendrich

Der Druck, endlich zu liefern, nahm dann sogar noch zu, als es hieß: „Du, ruf den Mathias an, dem seine Mama liegt im Sterben.“ Die Urnen waren in Deutschland nun zwar beauftragt, aber noch immer nicht verschickt. Am Ende schob die Mama vom Mathias – „Ein Riesen-Fan!“ - ihren Tod so lange hinaus, bis er endlich eine Urne für sie hatte: „Das war so ein Moment, wo vielleicht der Herrgott ein wenig auf mich geschaut hat.“

2022 hatte er dann begonnen, allen Freunden bei der Rapid seine Visitenkarte zu geben: „Falls mit der Oma oder irgendwem was ist!“ Ein guter Freund von ihm, der Guggi, lag ihm dann über Jahre hinweg wegen einer Bestattungsvorsorgeverfügung für sich selbst in den Ohren, unterfertigte sie aber nie. „Dann haben wir am 25. Februar 2024 nach was weiß ich zehn Jahren wieder mal gegen die Austria gewonnen, und am nächsten Tag ruft mich der Michl an und sagt: Du, der Guggi ist heut‘ Nacht gestorben.“ Und es wurde auch ohne Verfügung ein schönes Rapid-Begräbnis, weil ja eh jeder wusste, wie der Guggi nach einem Derbysieg es haben wollte. Nur, dass halt seither – im Spaß! – alle zu ihm sagen: „Bitte lass mich in Ruh‘ mit deiner Visitenkarte, weil sonst reiß‘ ich morgen ein Bank‘l.“

Gerade fängt er an, für alle zukünftigen Bank‘lreißer ein Gemeinschaftsgrab zu entwickeln, denn so ein Rapidler steckt ja oft seine ganze Liebe in den Verein und vernachlässigt – anders als er - die Lieben, die ihn irgendwann eingraben könnten: „In der Rapid-Unterhose im Rapid-Trainingsanzug im Rapid-Holzpyama“, den es in der Version „Balkenmuster“ um 1540 Euro gibt. Zwar wäre ihm am liebsten, wenn gar keine Rapidler sterben würden. Aber wenn es schon sein muss, dann sollen sie wenigstens alle in einem schönen Familiengrab ihre Ruhe finden, auf dem immer grünweiße Kerzen brennen.

https://bestattung-ebner.at/

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