Mit dem VW-Bus nach Tschetschenien
Foto: Olivia Wimmer
Der "Falter"-Reporter Lukas Matzinger und die Fotografin Olivia Wimmer waren ein Jahr lang unterwegs. Ihr Buch erzählt über das Verlassen der Komfortzone – und das Dorfstädtchen namens Hormus
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21.03.2026 im STANDARD
Erst am Schluss des Buches weiht uns Lukas Matzinger in seine Motive ein, die ihn – neben dem Leiden an seiner Bildschirmsucht – zusammen mit seiner Freundin Olivia Wimmer, einer Fotografin, dazu gebracht haben, in einem alten VW Bus mit 54 PS ins Zentralasiatische aufzubrechen: "Meine warme Welt bewahrt mich vor jedem Unglück", schreibt er in Ohne Kalschnikow schlaf ich schlecht. "Aber das ist nicht dasselbe wie glücklich sein." Sind sie also nun glücklich nach ihrer Rückkehr?
"Jedenfalls hat die hohe Wertschätzung aller Privilegien, die wir hier in Österreich genießen – von der Freiheit ganz allgemein über die Zahnbürste bis zur warmen Dusche – seit unserer Rückkehr nicht mehr nachgelassen", sagt er im Gespräch mit dem STANDARD, das im ansprechend rauen Schweden-Espresso stattfindet. Begonnen haben sie ihre Reise also mit dem allgemeinen Wunsch nach Entschleunigung, aber auch mit dem speziellen Ziel, "einen blinden Fleck zu erkunden", über den man sonst nur Schlechtes – Massaker, Anschläge, Ehrenmorde – hört: "Mit den Leuten dort zu sitzen, zu essen und zu erfahren, was sie so machen – das war die Intention."
Der Abschied von Österreich und seiner Rundumbehaglichkeit bei den Familien war nicht einfach, aber notwendig. "Meine Eltern haben sicher keine Nacht ruhig geschlafen in der Zeit, wo wir weg waren", sagt der erfahrene Falter-Reporter, der aus der Obersteiermark stammt. Während Olivias Eltern in Oberösterreich ihre Pläne gleich mit einem Abschleppseil unterstützt haben, das sie ihnen vor der Abreise noch schenkten.
Gemeinsames Ringen
Gebraucht haben sie es zwei Mal, und gebraucht hätten sie unzählige Male eine VW-Vertragswerkstätte, aber wo dort eine finden? Denn obwohl sie sich bewusst für ein vollmechanisches Auto entschieden haben, weil sie dachten, die Kiste könne dort jeder reparieren, kannte sich in diesen Ländern genau niemand damit aus: "Wo die überall angefangen, herumzuschrauben, nachdem wir 700 Kilometer dorthin abgeschleppt wurden!", erinnert sich Matzinger. Und Wimmer ergänzt: "Mir war auch nicht bewusst, wie gut man Autofahren können muss. Und ich rede jetzt nicht von den Städten, die natürlich sehr stressig sind. Ich rede von den Bergen, wo es unglaublich steil hinunter geht."
Der Bus hielt mit ihnen dann trotz Schlaglöchern und Amateurmechanikern ein ganzes Jahr lang und bis auf 4700 Meter Seehöhe durch: "Gut war auf jeden Fall, dass wir vor Abfahrt noch eine Standheizung eingebaut haben", sagt Wimmer. Und was das Zwischenmenschliche angeht, war das Schreiben am Buch sogar herausfordernder als die Reise selbst. "Es war ja nicht so, dass ich das einfach wie eine aufgeblähte Reportage heruntergeklopft habe", sagt er, der als alleiniger Autor am Buchdeckel steht. "Wir haben gemeinsam um jeden Satz gerungen."
Um Sätze, mit denen er die Schönheit der Berge Tschetscheniens beschreibt, die sie fotografierte, nachdem sie sich schließlich doch entschlossen hatten, dorthin zu fahren – obwohl sie zuvor wild entschlossen waren, dies auf keinen Fall zu tun: "Aber dann haben wir einen kennengelernt, der uns in sein Dorf eingeladen hat, und wir haben uns in der Minute entschieden, ihm zu folgen", sagt Wimmer. Und das, obwohl selbst in lokalen Medien vor den Bergen gewarnt wird, "wo sich immer noch die radikalen Islamisten verstecken, die nur auf Frischfleisch warten", so Matzinger. Ihr Gastgeber aber war ein Lehrer, der vor Jahrzehnten eine Love-Affaire mit einer DDR-Bürgerin hatte. Matzinger spielte in der Folge sogar ein wenig "Schicksal, wie sie es nannte, oder Gott, wie er es nannte", als er den Kontakt zwischen den beiden wieder herstellte, via löchrigem Internet: "Erst letzte Woche habe ich wieder mit ihr telefoniert, und sie war sehr froh, dass es so ausgegangen ist. Ich hatte ja schon auch Bedenken, in dieses Leben einzugreifen, aber sie wird ihn demnächst besuchen." Den Vater ihres erwachsenen Sohnes.
Das Dorfstädchen Hormus
Weit vor Tschetschenien kamen sie schon "in das Dorfstädtchen Hormus", von dem sie damals nicht wissen konnten, dass die nach ihm benannte Seestraße zwei Jahre später Zentrum aller Aufgeregtheiten dieser Welt sein würde. Noch heute schwärmt Wimmer von diesem "anderen Planeten mit seiner Schroffheit, all den Farben und dieser absoluten Stille. Der Sand und das Salz schlucken dort alle Geräusche. Und dann hüpft plötzlich eine Gazelle herum." Sie hatte dort auch weniger Probleme mit der Hitze als das bekennende Weißbrot Matzinger, der eine Reise dorthin im Juli nicht mehr unternehmen würde: "Der Mensch kocht dort", sagt er.
Foto: Zsolnay-Verlag
Ihr durchgehend überwältigender Eindruck während der gesamten Reise war der "unfassbar freundlicher, hilfsbereiter, zugetaner, in keiner Weise skeptischer oder missgünstiger Menschen." Was für Matzinger den Verdacht nahe legte, "dass nur ausgesprochen schlechte Charaktere, unter denen diese Menschen dann leiden, die Macht ergreifen können". Insbesondere im Iran legte sich "eine absolute Schwere auf uns, ein Grau, eine Bedrücktheit", erzählt Wimmer, "kaum, dass wir die Grenze überschritten haben." Denn obwohl auch dort die Menschen im Grunde freundlich wären, sind sie im tiefsten vollkommen frustriert von der ausweglosen Situation mit den Mullahs.
Als sie dort waren, starb gerade Präsident Raisi bei einem Hubschrauberabsturz, und die Menschen hätten schon damals Hilfe sogar von den verhassten Amerikaner akzeptiert, wenn der Horror nur endlich ein Ende gehabt hätte. Es war der Mai 2024, als kurz gefeiert und Feuerwerke gezündet wurden, jedoch: "Wir werden erst später verstehen, dass es mehr als einen toten Bauherren braucht, um diesen Staat zu renovieren", schreibt Matzinger im Buch, während Wimmer das Land als nicht nur "absolut männerbestimmt" empfindet, sondern als eines, "wo Frauen regelrecht unschädlich gemacht werden. Ich habe ja relativ viel Erfahrung in arabischen Ländern und halte es normalerweise aus, dass man über mich drüberschaut oder durch mich hindurch, aber im Iran: Das hat extrem schnell etwas mit mir gemacht, dass ich dort als Körper gar nicht existierte."
Radikale Frauen
So wie die Frau des Parfumeurs, der sie zu sich nach Hause einlud, und die nicht einmal seine Verwandten jemals gesehen haben, denn: "Eine Frau darf selbst dann den Haushalt nicht verlassen, wenn sie am Ertrinken ist." Solcherart ist die mittelalterliche Leseart des Korans, die sich im Alltag so niederschlug, dass Wimmer ständig "passiv-aggressiv" Tücher geschenkt bekam, mit denen sie sich verhüllen sollte. "Und am schlimmsten waren die radikalen Frauen, die meinen Anblick überhaupt nicht ertragen konnten und mich sogar auf den Kopf schlugen. Die spielen eine riesige Rolle in der Verfestigung dieses Systems", von dem Matzinger gleichwohl hofft, dass es sich irgendwann wieder verabschieden wird. Die Erfüllung dieses Wunsches könnte sich freilich als so zäh erweisen wie die Schwarten Widderfett, an denen er herumkaute "wie an Turnmatten, die nicht kleiner werden", wenn sie ihm angeboten wurden.
Pakistan hingegen – ein Traum! "Die Leute dort sind so entspannt und nehmen sich überhaupt nicht ernst." Richtig ernst hingegen nahmen die Männer im kirgisischen Araschan ihre Partie Kok-boru, die Matzinger begeistert verfolgte wie sonst nur Spiele seiner geliebten Sturm-Mannschaft, die er auch im fernen Osten nach Möglichkeit via Handy verfolgte. Dieses Spiel, bei dem der zusammengenähte Körper einer geschlachteten Ziege von 52 Reitern nach unerfindlichen Regeln hin- und hergeschleppt wird, traf ihn auch in seinem Selbstverständnis als Mann: "Da war schon ein wenig Neid auf ihre Rohheit und Härte dabei. Wie die da angeritten kamen, da dachte ich mir: Das ist es eigentlich, auf deinem Pferd durch die Prärie reiten." Befeuert von Wodka und "einem bierähnlichen Getränk namens Bozo, ein cremiger Most, ein gärender Porridge". In Zusammenhang mit diesem Spiel liest man auch eine sehr schöne Beobachtung von ihm: "Es scheint Menschen zu trösten, etwas nur aus dem Grund zu tun, dass es Menschen immer schon taten." Anders könne er sich nämlich auch unser Maibaumumschneiden nicht erklären.
Spätestens, nachdem sie eine Woche durch die "absolute Dystopie China mit seinen dauerüberwachten Robotermenschen" reisen mussten, wollten sie dann aber nur noch heim. Und als sie – den Sonnenuntergang endlich wieder vor sich und nicht im Rückspiegel – über die burgenländische Grenze kamen, stolperten sie dort auch gleich in ein heimisches Wirtshaus. Das biersaufende, grölende Volk dort war dann gleich wieder eine so intensive Erfahrung, dass sie erst zu Hause, als sie bei ihren Eltern anklopften, wirklich zur Ruhe kamen, um all die Eindrücke zu verarbeiten, die ein Jahr lang auf sie eingeprasselt waren. Eindrücke, die sie in diesem großartigen Buch mit uns teilen.
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