How do you do in your Dancingshoe?

Foto: Christian Fischer für DER STANDARD

Seit drei Jahrzehnten verkauft Elisabeth Husar an der Äußeren Mariahilfer Straße Tanzschuhe. Über Bälle und diskrete Kundschaft

02.02.2026 im STANDARD


Wer seinen Wert kennt, muss sich nicht in die Öffentlichkeit drängen. Elisabeth Husar sagt daher gleich entschieden: "Fotografieren lass ich mich sicher nicht!" Erzählen könne sie aber gerne alles, was sie über Tanzschuhe wisse. "Schau’n S, man kann sich das Leben einfach oder schwer machen. Sie werden einen Schischuh nehmen, wenn Sie Schifahren gehen, und einen Tanzschuh, wenn Sie tanzen wollen. Natürlich kann man jeden Schuh verwenden, der zum Kleidl passt oder zum Anzug, aber wir verkaufen hier in der "Tanzboutique Kirner" halt nur klassische Tanzschuhe."

Und das seit 1996, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter das Geschäft in der haushaltseinkommensschwachen Äußeren Mariahilfer Straße 157 kaufte. Geschäftsführerin ist mittlerweile ihre Tochter Sigrid Schuller-Husar, deren zehnjährige Tochter Ricarda wiederum bereits großes Interesse am Verkauf von Tanzschuhen zeigt. Auch sie weiß längst, dass den Unterschied zum Ballschuh die "extrem gute Ledersohle" des Tanzschuhs ausmacht, "die weder rutscht noch pickt, sodass man klassisch über das Parkett gleiten kann". Die Seniorchefin ergänzt: "Wer Damenschuhe verkauft, verkauft natürlich auch Herrenschuhe, weil die Damen können sich ja nicht alleine im Kreis drehen. Wollen S’ sonst noch was wissen?" Nun ja, schon. "Also gut, mit bis zu acht Zentimeter hohen Absätzen können Sie tanzen. Alles darüber ist kein Tanzschuh, sondern ein Herzeig- oder Sitzschuh."

Sorgen, Tratsch und Dankeschöns

In den vergangenen knapp dreißig Jahren hat Frau Husar mehr oder weniger alle Varianten von Füßen gesehen, die sich der liebe Gott hat einfallen lassen, und sämtliche Socken, die der Textilindustrie eingefallen sind. "Nur dass seit zwanzig Jahren praktisch niemand mehr welche trägt, das ist schrecklich! Und wenn wer welche trägt, sind sie furchtbar." Trotzdem empfindet sie jeden Tag große Freude an ihrem Tun und sammelt die vielen Dankeschöns, die sie nach langen Ballnächten hört, wenn zufriedene Kundinnen eigens noch einmal vorbeikommen. Beim Schuhkauf davor hört sie sich auch Sorgen und Tratsch an, bleibt dabei aber stets so verschwiegen, wie sie fotoscheu ist. "Ich erzähl’ nichts weiter. Aber dass Bälle Begegnungszonen sind, ist ja wohlbekannt."

Freilich ist nicht jeder Herr auf einem Ball auch gleich eine gute Partie. Es gebe – zusammengefasst – "richtige Prinzen auf der Erbse", die nicht wissen, wie man eine Schuhmasche bindet und denen das Zecherl hier weh tut und die Ferse dort. "Dann steht er schon eine Stunde drin und weiß noch immer nicht, ob er ihm passt oder nicht", lacht sie. Oft sage sie dann einfach: "So, den nehmen S’ jetzt, weil besser wird’s nicht mehr werden!" Das könne sie sich mit ihrer Erfahrung leisten, "aber meinem tüchtigen Mäderl nehmen sie das nicht ab".

Riemchen für den Boogie

Dieses "tüchtige Mäderl" heißt Johanna Freyer und arbeitet neben dem Studium hier, weil sie selbst mit Leidenschaft tanzt – seit sie 14 ist. "Das ist das Alter, ab dem man in die Tanzschule gehen kann." Angefangen hat sie beim Immervoll, inzwischen besucht sie Kurse beim Kraml. "Gott sei Dank mit einem Tanzpartner, denn es ist anstrengend, keinen zu haben." Im Vorjahr eröffnete sie den Opernball, heuer wird es der Kaffeesiederball sein, was einen beträchtlichen Probenaufwand bedeutet – "aber man erspart sich den Eintritt". Die Krönchen sowohl der Mitarbeiterin als auch der ebenfalls tanzbegeisterten Juniorchefin zieren das Geschäft. Bald wird wohl auch deren Tochter debütieren.

Sonja Buchriegler ist treue Kundin. Früher hat sie hier schon "ein Modell von euch in schwarzem, glattem Leder" gekauft, nun möchte sie dieses um einen Zentimeter niedriger. "Weil es immer weniger Möglichkeiten zu tanzen gibt, da ist man’s dann nicht gewohnt und tut sich mit denen leichter." Fünf bis sechs Bälle wird sie heuer besuchen und dabei vor allem Boogie und Polka tanzen. "Alles andere ist fad."

Was sie besonders schätzt: dass hier Schuhe mit Riemchen verkauft werden. "In einem normalen Schuhgeschäft gibt es das nicht mehr." Sie probiert noch "einen schlichteren" und "den einzigen, den ich in Synthetik habe", wie die Chefin sagt. Der eine ist "ein bisserl auf der Seite zu", der andere "seitlich offen". Drücken tut keiner von beiden – was hier niemanden überrascht, denn: "Wir bieten ja auch halbe Größen an, und das ist ganz wichtig."

Man fragt nicht, man tanzt

"Den Druck während der Ballsaison halte ich aus", lacht die Chefin. "Sonst hätte ich was verkehrt gemacht." Da steht dann auch schon einmal eine Dame mit Frisur und im Kleid im Geschäft – was noch fehlt, sind die Schuhe. Herrscht in einem Innenstadthotel Schuhnot, wird sie angerufen und schickt ein Paar mit dem Taxi. "Ich frage nie, für wen, ich liefere einfach", sagt sie und lobt ihre eigene Diskretion. Eine Geschichte allerdings erzählt sie dann doch gerne:

"Einmal war eine Dame in meinem Alter da und sagte, sie brauche Schuhe für einen Kurs, den sie halten muss." Gleichzeitig war eine Dame im Geschäft, die gerade Brautschuhe probierte. Es stellte sich heraus, dass Erstere Domina-Kurse anbot und einen solchen auch gleich der jungen Braut ans Herz legte. "Die war knallrot im Gesicht und ist rausgeschossen aus dem Geschäft."

Auch sonst hat sie alles erlebt und viele gesehen: von Peter Alexander über diverse Opernsänger bis zu Christine Kaufmann oder Barbara Prammer. Dazu Chinesen und Japaner, "aber keine Araber, weil Muslime tanzen nicht". Wer nicht von draußen gesehen werden möchte, wird ins enge Hinterzimmer geführt. Dort darf man in Ruhe probieren, ein Kaffeetscherl gibt es allerdings keines: "Die kriegen bei mir ihre Schuhe und sonst nix."

Die meisten Modelle stammen noch immer aus Europa, etwa aus Deutschland von der Firma Diamant, die in vierter Generation produziert. "Sie brauchen ja einen Partner, auf den Sie sich verlassen können. Was weiß denn ich, ob der Chinese mir rechtzeitig alles liefert und ob dann nicht Schadstoffe drin verarbeitet sind?" Schuhe ohne Schadstoffe pflege man auch lieber – wobei sie selbst nur Pflege für den Notfall vorrätig hat. "Weil wo soll ich denn die Pflege hintun? Ich hab ja keinen Platz."

Frau Sonja möchte nun auch den zweiten Schuh des einen Modells probieren, womit sie der Kaufentscheidung sehr nahe ist, weiß die Chefin. Beide Schuhe haben – wie gewünscht – ein Riemchen. Ein solches wäre Johanna allerdings neulich beinahe zum Verhängnis geworden: Beim Walzer stieg sie mit dem sehr dünnen Absatz des einen Schuhs in das Riemchen des anderen. "Ellenbogenprellung." Doch das sind seltene, schmerzhafte Ausreißer in einer Welt voller Freude und Glück, die offenbar auch für die nächste Generation gesichert ist. Let’s dance!

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