Das Zeitungsarchiv im Café Weingartner

Foto: Christian Fischer

Während man der gedruckten Zeitung schon lange den Tod prophezeit, wird sie im Café Weingartner im 15. Wiener Gemeindebezirk gefeiert. Nicht nur gibt es einen zwei Meter breiten Zeitungstisch – es gibt sogar ein Archiv der jeweils letzten Woche, aus dem man sich bedienen kann.

26.01.2016 im STANDARD

Caféhausbesitzer Heinrich Weingartner weiß alles über die Wiener Caféhäuser, er betreibt ein eigenes Museum zum Thema und sammelt Postkarten, auf denen welche abgebildet sind. Gerade brachte der Briefträger vier Kuverts aus Deutschland, er öffnet sie und ist zufrieden. Gleich wird er sie katalogisieren, ein paar Tausend davon hat er bereits.

„Worum geht´s?“, fragte er. „Ah ja, um unsere Zeitungen!“ Die bieten sie nämlich hier in großer Zahl an, der Tisch, auf dem sie liegen, ist zwei Meter breit. „Na gut, das Wiener Caféhaus ist seit jeher ein Ort des Lesens, seit die Caféhausbesitzer Zeitungen gekauft und dem Publikum zur Verfügung gestellt haben - was den Herausgebern nicht recht war, denn die fürchteten um ihre Einnahmen! Man stelle sich vor: Eine gekaufte Zeitung wird 25 Mal gelesen! Sie haben sich also beim Karl IV. beschwert, und der sagte, dass alles richtig wäre, was sie monierten. Entschied aber, dass sie sich diesen Nachteil gefallen lassen müssten.“

Seither wären eingespannte Zeitungen Teil unserer Kultur, sie hätten im Caféhaus einen festen Platz wie das Billard (immer), die Kartentische (jetzt wieder verstärkt) oder das Domino (nur noch selten). Vom Wienerischen Diarium, das 1703 gegründet wurde und als Wiener Zeitung am 30. Juni 2023 zum letzten Mal erschien, hat er in seinem Museum sowohl die erste als auch die letzte Printausgabe. „Es gab aber noch ältere Zeitungen, in denen Themen verhandelt wurden, die heute eher in den sozialen Medien besprochen werden: Firmeninterne Probleme etwa, oder Selbstmörder, deren genaue Wohnadresse genannt wurde.“

Das Café Weingartner wiederum existiert seit 1874, ein Literatencafé freilich war es nie. „Die haben sich in der Innenstadt im Central getroffen oder im Griendsteidl, das nicht von ungefähr als Café Größenwahn bezeichnet wurde.“ Der 15. Bezirk hingegen galt als „Ausländerbezirk“ oder „Arbeiterbezirk“, beherbergte aber auch tatkräftige Unternehmer und Künstler. Außerdem das Militär auf der Schmelz und ab 1860 die Eisenbahner entlang der Weststrecke. Alles potenzielle Gäste, die unter 25 klassischen Wiener Caféhäusern wählen konnten.

Wie viele Zeitungen sie damals anboten, kann der Chef heute nicht mehr sagen. Er erinnert sich aber, dass auf dem Zeitungstisch in den 1970er Jahren, als er ein Kind war, „die Krone, der Kurier, die SN und die Presse lagen, sonst nix.“ Doch dann entschieden der Vater, die Billardlegende Heinrich Weingartner, und sein Sohn, entweder alles herzulegen oder gar nichts: „Das Café ist ja ein Ort des Pluralismus, wo der Geist leben soll. Dazu gehört, dass man sich mit Meinungen auseinandersetzt, die nicht die eigenen sind.“  

Foto: Rebhandl

„Damals gab es viel mehr Leute, die wirklich nur wegen dem Zeitunglesen gekommen sind“, sagt er. „Bei einem Kleinen Braunen, der ihnen für Stunden reichte.“ Oder es kamen Liebespärchen, „die sich gemeinsam in eine Ecke gesetzt, eine große Zeitung gelesen und dahinter gekuschelt haben.“ Bekannt und gefürchtet waren (und sind) die „Zeitungsmarder“, die sich fünf Exemplare unter den Arm klemmten und den anderen keine gönnten – die zwar schäumten, aber meistens nichts sagten. Solche „Marder“ gab es in gesteigerter Form auch unter den Damen: „Die setzten sich auf einen Stoß Frauenzeitschriften, damit sie diese für sich alleine hatten. Eine, die sehr reich war, stahl diese Zeitschriften sogar. Wenn wir merkten, dass sie im Anmarsch war, haben wir sie weggeräumt. Bald ist sie nicht mehr gekommen.“

Die Präsentation der Zeitungen und Zeitschriften fand früher – als noch die Zeitungsverkäufer ihre Abendausgaben anboten - in der Mitte des Raumes statt, in dem sich lange Zeit die Nachbarschaft zum abendlichen Farbfernsehen traf. Durch den verstärkten Andrang wurde der Tisch aber zum Problem: „Wenn Leute dachten, sie könnten ihn verschieben, lagen alle Zeitungen am Boden.“ Gleich links vom Eingang, wo der Tisch heute steht, wäre die Präsentation perfekt. „So wie das Schachbrett gepflegt werden muss“, sagt er, „müssen auch die Zeitungen appetitlich daliegen.“

Ab den 90er Jahren baute er das Angebot kräftig aus. Da kam der STANDARD auf den Markt, und er nahm die FAZ und die ZEIT mit dazu. Sein Ziel: „Ein Angebot für Leser, die sich mit allem auseinandersetzen können sollen, womit sie sich auseinander setzen wollen.“ Heute liegt von der Jüdischen Rundschau über den Osttiroler Boten, von der Jungen Welt bis zum Sonntag so ziemlich alles auf dem Tisch, was im deutschsprachigen Raum noch gedruckt wird. Als letztes kam die NZZ dazu, für die ein weiblicher Stammgast das Abo bezahlt. „Die Leute stehen oft staunend vor dem Tisch“, sagt er, „und glauben, wir bekommen die Zeitungen gratis. Aber wir müssen für jedes einzelne Abo bezahlen, das sind tausende Euro im Jahr.“ Da könne man sich die Frage stellen: „Rechnet sich das? Die Antwort lautet nicht unmittelbar Ja!“, lacht er. 

Das Zeitungsarchiv ist ein Alleinstellungsmerkmal seines Cafés, eine entsprechende Nachfrage gab es immer: „Wenn beispielsweise jemand im Urlaub war und die Zeitungen, die er in dieser Zeit versäumt hat, nachlesen wollte.“ Allerdings wäre es so: „Wenn Sie in Wien einen Kellner nach der Zeitung von gestern fragen, wird er Ihnen sagen: Kommen‘S gestern wieder!“ Sie hingegen sammelten die Zeitungen zunächst in einer Tonne, und der Gast konnte sie darin suchen. Am Boden hatte diese Tonne eine Klappe, damit sich das Angebot „drehte“. Ab 2018 haben sie in Stehordnern ein Monatsarchiv angelegt, diese Ordner brauchen wenig Platz, und die tägliche Handhabung ist einfach.

Unlängst erwarb er zwei Stück Wochensammler, einer davon hängt nun neben dem Zeitungstisch und präsentiert die Zeitungen der zurückliegenden sieben Tage. „Man löst die Klappen aus und steckt sie nach Wochentagen rein.“ Dieser Halter, weiß er, war im deutschen Kaiserreich sogar patentiert, der Samstag heißt folgerichtig Sonnabend. „Man fragt sich, warum das nicht früher jemandem eingefallen ist!“

In letzter Zeit, freut er sich, erlebe das Kartenspiel einen enormen Aufschwung, „und wir sehen eine Zunahme beim Schach und Billard.“ Daher glaubt er, dass auch die gedruckte Zeitung wieder gelesen werden wird. „Ich spreche von einem Bestreben, sich aus der elektronischen Welt auszuklinken. So ein Trend kann morgen beginnen: Dass heute 15jährige mit 22 auf die Idee kommen, im Café gemeinsam zu lesen.“ Und wer weiß - vielleicht greift sogar irgendwann der Trend um sich, die gedruckte Zeitung von letzter Woche zu lesen. Dann ist man hier im Weingartner bestens aufgehoben.

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