Der Bahnhofstrafikant

Foto: Christian Fischer

Ein Bahnhofstrafikant erzählt von seinen Erfahrungen mit Tschick, Alk, Lotto, Brieflosen und Handy-Vouchern.

12.01.2016 im STANDARD

KAPITEL 1: RAUCH

Wer wissen möchte, wie es "der Stadt" geht, der höre sich bei einem Wiener Bahnhofstrafikanten um: "Wenn Auszahlung beim AMS ist, bedeutet das für uns den stressigsten Tag des Monats. Da kommen die Leute und kaufen sich auf lässig zwei große Stangen Marlboro Tabak. Zwei Wochen später kaufen sie schon nur mehr den Winston Tabak, weil der deutlich billiger ist und sie sich den teuren nicht mehr leisten können."

Solcherart sind die Erfahrungen, von denen uns eine langjährige Mitarbeiterin einer Wiener Bahnhofstrafik berichtet. Sie möchte anonym bleiben, die Kundschaft soll sie nicht auf den Artikel ansprechen. Sie erzählt weiter: "Österreich ist immer noch eines der weltweit stärksten Raucherländer. Das Lager ist immer bis oben hin gefüllt, der Warenwert beträgt um die 100.000 €, dreimal pro Woche wird geliefert, Nebenartikel wie Christbaumkerzenanzünder kommen vor den entsprechenden Feiertagen dazu."

Die Rauchgewohnheiten der Kunden wären je nach Herkunftsland verschieden, und die Kunden würden sich auch im Ton unterscheiden, mit dem sie dem Personal begegnen: "Am Morgen sind die meisten gestresst, aber noch irgendwie freundlich. Am Abend sind sie gestresst und unfreundlich. Den Ärger über verpasste Züge oder den Schienenersatzverkehr lassen sie gerne an uns Trafikanten aus." Dabei kämen "die Österreicher" grob gesagt auf Wienerisch, Steirisch oder "auf deppert daher, aber sie grüßen zumindest." Männer "vom Balkan" hingegen bestellen, grob gesagt, anders: "Du gib mir! Bruder!"

Dass viele Kunden kein Wort Deutsch sprechen, wäre ein ewiges Problem: "Da deutet dann einer auf irgendwelche Zigaretten hinter mir, die er haben will. Nicht die gelben? Die blauen? Ah, die natürlich!" Nur um erst recht drei Minuten später wieder daherzukommen und zu deuten, man hätte ihm "die Falschen" verkauft. Allerdings: "Es dürfen keine Waren zurückgenommen werden, wenn die Trafik damit erst mal verlassen wurde. Jemandem das zu erklären, kann dauern!"

"Es gibt die Vorratskäufer, die zu Monatsanfang drei Stangen Marlboro, also 30 Packerl holen. Das sind die, die es sich einteilen können." Die meisten aber kämen jeden Tag um ein, zwei oder drei Packerl, am Monatsanfang mit den Hundertern, gegen Monatsende hin mit den Münzen. Wegen der knappen Budgets steigen viele von Zigaretten auf Tabak um, allerdings fehle es oft an der Fähigkeit zur Kalkulation: "Ersparen täten sie sich vielleicht etwas, wenn sie sich keine Wuzelmaschine kaufen, keine Filter und nur das billigste Papier verwenden würden. Wenn ich mir aber so Hybridfilter dazu kaufe um 7.90 € für 25 Stück, dann ist es keine Ersparnis mehr, im Gegenteil. Aber das verstehen die Leute nicht."

Geldmangel führe häufig zu Gereiztheit oder Lügen: "Wenn ich einen Camel Tabak im Beutel um 7,30 € verkaufe, beharrt einer darauf, dafür in Voralberg nur 6,50 € zu bezahlen." Das könne aber nicht sein, denn die Preise wären überall gleich. "Wenn in Vorarlberg einer billiger verkaufen würde, wäre er morgen nicht mehr Trafikant."

Vom Aufhören reden viele, insbesondere, wenn die Zigarettenpreise erhöht werden: "Noch einmal 30 Cent teurer, und ich höre sicher auf! Aber die kommen dann doch immer wieder. Dass jemand von einem Tag auf den anderen aufhört, habe ich nie erlebt." Die Sucht wäre eben schwer zu besiegen, und noch schwerer bei den in letzter Zeit stark nachgefragten Zigarettenersatzprodukten wie IQOS oder Snus: "Die Nachfrage explodiert, vor allem bei den Frauen." Lehrerinnen würden Snus während der Stunde ebenso konsumieren wie Polizisten im Auto oder Schaffner im Zug. Dabei werden mit der Zeit immer stärkere Inhalte nachgefragt: "Es gibt viele, die fangen mit Snooze Stufe 2 Cool Mint an und steigern sich schnell auf Stufe 6. „Von denen wieder wegzukommen, ist nicht einfach. Das Niktoin geht direkt ins Blut." Shisharillos wiederum kämen aus England mit 1500 Geschmäckern von 800 verschiedene Anbietern. "Die sind mittlerweile auch als Mehrweggerät erhältlich, gehen wie Hölle und machen rasend schnell süchtig."

KAPITEL 2: ALKOHOL

Das Kundenaufkommen wäre über den Tag verteilt relativ gleich. Es beginne sehr stark beim Aufsperren um 5.30 Uhr, da werde neben den Zigaretten vor allem Alkohol gekauft: "Viele Hackler kommen jeden Tag in der Früh und wollen immer das gleiche: Zigaretten, Kaugummi und die allermeisten einen Jägermeister oder Wodka dazu." Trinken täte die Apothekerin aber genauso wie der Sandler, die Richterin genauso wie der Student. "Oder zum Beispiel eine Supermarktverkäuferin. Die bestellt eine Schachtel Tschick, ein Red Bull, einen Eistee-Zitrone und vier Wodka. Dann weiß ich genau, dass sie das Red Bull auf der Rolltreppe öffnet und den ersten Wodka hineingibt, das trinkt sie sofort. Danach trinkt sie vom Eistee so viel, dass sie die restlichen drei Wodka hinein leeren kann. Diese Flasche wird in die Arbeit mitgekommen." Warum sie das alles nicht in ihrem Supermarkt kauft, wo es billiger wäre? "Weil sie nicht dabei gesehen werden möchte. Alle schämen sich."

Beispiel Bankbeamter im feinen Anzug: "Der steht vor mir und hat gerade vier Wodkas vor sich liegen, die er bestellt hat. Plötzlich erkennt er hinter sich einen Bekannten und fährt mich an: ‚Die Wodkas da hab ich nicht bestellt, wem gehören die?’ Na gut, nehme ich sie zurück und storniere sie raus, aber eine Stunde später kommt der gleiche Typ wieder, lacht mich an und hat schon vergessen, dass er vor einer Stunde bei mir war." Viele Menschen würden den Alkohol brauchen, um sich innerlich zu beruhigen oder das Zittern in den Händen wegzukriegen. "Und wenn sie bei der Trafik kaufen, lebe sie in der Illusion, dass ihre Sucht geheim bleibt."

"Meist werden zwei bis sechs Flascherl gekauft. Schnell verschwinden sie in einer Hand, die sie in eine Tasche steckt. Am Abend kommt der Hackler wieder, kauft sich vier Wodkas und haut sie sich beim Heimfahren hinein, um schlafen zu können." Manche kaufen auch eine 12-er-Packung, gerne mit dem Begleitsatz: "Wir verabschieden heute einen Mitarbeiter" – was oft eine Ausrede wäre. Ein paar Hundert solcher Flascherl pro Tag gingen über die Budel, an Spitzentagen wie Weihnachten deutlich mehr. "Der Eristoff verkauft sich am besten, der ist am günstigsten, und dem Wodka wird fälschlicherweise nachgesagt, dass man ihn nicht riechen könne – was ein absoluter Blödsinn ist." Meist werde aber sicherheitshalber ohnehin eine Packung Kaugummi dazu gekauft, auffällig häufig mit Apfelgeschmack.

Der Alkohol wäre der traurigste Teil der Arbeit. Und das Ende von Suchtkarrieren würden die vielen Junkies repräsentieren, die sich im Umfeld von Bahnhöfen aufhielten und wirklich nur noch von Zigarette zu Zigarette und Wodka zu Wodka leben. Es gebe Männer, die auf Bahnhöfen ihre Begleiterin für ein Substinol zum Sex anbieten. "Mit dem Zeug legen sie sich dann drei Stunden irgendwohin, bis die Security sie vertreibt, danach stehen sie wieder da. Wenn irgendwo einer pfeift, wissen alle, wo es Gras zu kaufen gibt." Für viele Junkies wären die Bahnhofstrafiken aber auch die letzten Anlaufstellen, wo sie mit ihren zusammengeschnorrten 5 Cent-Stücken in der Hand überhaupt noch einen Wodka bekommen würden. "Es kommen Angeschissene, Anurinierte oder viele, die stinken, weil sie seit Wochen das gleiche Gewand anhaben."

KAPITEL 3: LOTTO

Nicht weniger süchtig wären die Leute nach Glücksspiel: "Je schlechter es den Leuten geht, desto häufiger spielen sie und desto höher sind die Einsätze." Interessant wären die unterschiedlichen Gewohnheiten bzw. die damit verbundenen Hoffnungen: "Es gibt welche, die spielen nur Euromillionen, weil sie ausschließlich den großen Gewinn wollen. Andere spielen nur Österreichisches Lotto, weil ihnen dabei die Chancen 'realistischer' erscheinen. „Der Durchschnittsspieler spielt fünf Tipps mit Joker und Zusatzziehung, im Schnitt investieren die meisten einen Zehner." Es kommen aber auch welche, "die legen 428 € hin. Der spielt für die Gruppe in seiner Firma und hat die Kassa mit, in die sie einzahlen, plus fünf ausgefüllte Lottoscheine – meist ein System für vier oder zehn Wochen. Der zahlt, nimmt die Rechnung und geht." Es könne aber auch sein, dass er diesen Betrag für sich alleine spielt. Und wieder: "So viele können fast kein Wort Deutsch, aber das erste, was sie hier machen, ist Lotto spielen. Was glaubst du, wie viele fragen: ‚Wie geht?’ Oder am Bahnhof ankommende Mütter mit zwei Kindern: ‚Habe ich in Zug gehört, das kann ich gewinnen. Wie geht?’"

Die Gewinnabfrage wäre ein ewiges Theater, oft müssen 20 oder mehr Scheine geprüft werden. "Am Ende weist der Automat einen Gewinn von sagen wir 15,70 € aus, der Kunde ist beim Überprüfen zu Hause aber auf 15,90 € gekommen. Dann regt er sich furchtbar auf." Dass der Automat einen Schein "falsch liest", wäre aber ausgeschlossen. Trotzdem reklamieren immer wieder welche: "Das ist Betrug! Was ist mit der Zusatzzahl? Da muss was drauf sein!"

Ist tatsächlich mal was drauf, "freuen sich welche über einen Gewinn von 23,60 € wie ein Luster, obwohl sie um 300 € gespielt haben. Der Verlust wird immer ausgeblendet, und der Gewinn immer gleich wieder reinvestiert." Gewinne bis 999 € dürfen in der Trafik ausbezahlt werden, Gewinne bis 9999 € kann man sich im Casino abholen. Gewinnt jemand mehr, sehe man den genauen Betrag am Display nicht. "Da wird der Bildschirm schwarz und es kommt der Hinweis: Bitte informieren Sie den Kunden, dass er sich an eine große Auszahlungsstelle wenden muss." Das wäre in alle den Jahren genau einmal passiert.

Ein eigenes Thema wären die vielen verschiedenen Rubbellose: "Die gibt es in vier Preiskategorien und werden gekauft wie die warmen Semmeln, vor allem von Menschen aus dem südländischen Raum. Oder von Arbeitslosen und Pensionisten, die Auszahlungstag haben und sofort 100 Stück um 300 € kaufen. Die rubbeln die Lose direkt am Tresen auf. Manche betrachten die Trafik als ihr Wohnzimmer. Die stehen da zweieinhalb Stunden, rubbeln und wollen sich unterhalten. Was ich dauernd für Geschichten höre! Wie viele Häuser sie zuhause haben! Und hier stehen sie den ganzen Tag nur herum…."

Das klassische Brieflos hingegen werde immer seltener verkauft. "Vor allem von alten Menschen, die oft zweimal am Tag kommen, meist eine ausreichende Pension haben und ein oder zwei Lose in der Früh und noch einmal eins oder zwei am Nachmittag kaufen. Manche heben sie auf und geben sie zu Hause in ein Schachterl wie in eine Sparbox. Wenn es finanziell eng wird, kommen sie mit sagen wir 78 Losen, die ich dann alle scannen muss. Der Gewinn beträgt vielleicht 100 €."

KAPITEL 4: HANDY VOUCHER

Weiteres großes Thema: Die Handy Voucher. "Es gibt so viele, die Prepaid-Karten haben! Aber 80 Prozent verstehen kaum ein Wort Deutsch und wissen mit der 12-stelligen Zahl, die ausgedruckt wird, nichts anzufangen." Dann heißt es: "Du machen!" Aber das dürfen sie nicht, weil ihnen aus versicherungstechnischen Gründen verboten ist, das Handy der Kunden anzufassen. "Es gibt unzählige Anbieter, und die meisten wissen nicht, welcher ihrer ist. Wenn der Voucher nicht funktioniert, kommen sie zurück und regen sich furchtbar auf."

Ansonsten? "Touristen kommen und fragen, wo der Bahnsteig ist, Kinder wollen Mentos, Parkscheine und Fahrscheine sind systemrelevant und müssen angeboten werden. Zippos verkaufen wir nicht mehr, weil dann musst du noch einen Ständer mehr im Auge behalten. Wenn wir um fünf Uhr früh einen Kugelschreiber zum Lottotisch legen, ist er fünf Minuten später weg." Zeitungen? "Noch immer gut verkauft sich die "Ganze Woche" – vor allem wegen des Fernsehprogramms –, und manchmal kauft noch einer am Freitag 15 Zeitungen, die er dann zu Hause liest."

Wenn so einer nicht mehr kommt, fällt es auf. "Oder der, der monatelang jeden Tag mit seiner Frau gekommen ist und dann plötzlich monatelang nicht mehr. Plötzlich steht er nur mit der Unterhose bekleidet und in den Schlapfen da und bestellt seine üblichen Zigaretten. Erst, als es ans Bezahlen geht, fällt ihm auf, dass er keine Hose anhat. Der hat scheinbar seine Frau verloren und ist ohne sie total verkommen, ich habe ihn danach nie wieder gesehen." Zusammenfassend könne man also sagen: "Im Zeitraum von 4.30 Uhr bis 22.00 Uhr kommt alle fünf Minuten ein Junkie, ein Spielsüchtiger, ein Angesoffener oder ein psychisch Kranker daher."

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Vom Leben am Rand