Vom Leben am Rand
Foto: Rebhandl
"So, wie die Zukunft ausschaut, möchte ich selbst nicht mehr geboren werden." Vor zwei Jahren ist mit 67 sein "letzter Haberer" gestorben, und am Wahlsonntag letzten Jahres verstarb auch seine Mutter. "Sie war 94 Jahre alt und der einzige Mensch, der alles von mir gewusst hat.”
Ein Portrait
20.12.2025 im STANDARD
Harald, so möchte er genannt werden, wurde 1957 im Wiener AKH geboren. Die Eltern stammten aus der Buckeligen Welt und zogen 1952, als sie beide Anfang zwanzig waren, nach Wien. Sie kamen als Untermieter in einer Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung im 16. Bezirk nahe der 10er Marie, des bekannten Heurigen, unter. Als die drei Kinder zu Welt kamen, zwei Mädchen und Harald als einziger Sohn, mussten sie zusammen mit der Vermieterin im Kabinett schlafen. Als diese 1960 starb, übernahmen die Eltern den Hauptmietvertrag. "Da Voda woar Optikermeister, die Mutter war z‘haus, bis wir Kinder in der Hauptschule waren. Dann hat sie einen Hilfsjob angenommen." Der Vater, erzählt er weiter, hätte ihn nie gemocht. "Der wollte nie einen Buben, das hab‘ ich gespürt." Den Schmerz darüber sieht man ihm noch heute an. "Ich war immer das schwarze Schaf, das fünfte Rad am Wagen. Daran habe ich mich gewöhnt."
In der Julius-Meinl-Gasse besuchte er die Volksschule, in der Wilhelminenstraße die Hauptschule. Dem Erstklässler haben sie die Malstifte aus der linken Hand genommen und in die rechte gedrückt, in die "schöne." Er war ein "ruhiges Kind, das wenige Freunde hatte", wenn er nach den Hausübungen in den Kongresspark ging. "Nur mit einem hab ich mich getroffen, bis wir 40 waren." Diesen runden Geburtstag haben sie noch gemeinsam gefeiert, "dann haben wir uns mehr oder weniger aus den Augen verloren."
Er begann eine Mechanikerlehre beim FIAT in der Schönbrunner Straße nahe dem Grünen Berg. "24 Lehrlinge waren wir, alles Österreicher, bis auf einen aus Jugoslawien." Vormittags hatten sie Theorie, nachmittags wurde gearbeitet. "Aber ein Blinkerglasl habe ich dort nie gewechselt. Und in die Getriebeabteilung bin ich in dreieinhalb Jahren Lehrzeit auch nie gekommen."
Sein erstes Moped war eine PUCH MS50, aber die lenkte er am Wilhelminenberg gleich einmal ohne Taferl gegen einen VW Käfer: "Ich bin durch die Scheibe eingestiegen, habe mir die Hoden und das Knie geprellt und musste wie der Fahrer des Autos im Gesicht genäht werden." Sein "Haberer", den er mit hatte, schlug einen Salto über den Käfer und kam auf den Füßen zu stehen. Drei Jahre auf Bewährung bekam er dafür, und 8000 Schilling Strafe musste er bezahlen. Eine Schwester borgte ihm das Geld, das er in monatlichen Raten zu 500 Schilling zurückzahlte. Als er schuldenfrei war, borgte ihm der Vater das Geld für sein erstes Auto, einen Fiat 124 in Beige. "Wie eine Melange hat der ausgeschaut", sagt er. Damit fuhr er am liebsten nach Edlitz in die Buckelige Welt hinaus, wo die Verwandten lebten. "Der Großvater war ein Zwei-Kuh-Ranger", erzählt er. "Und mit seinen zwei Ochsen hat er die Arbeit gemacht, die andere mit dem Traktor erledigten." Sie waren arm.
Liebe in der Märchenbar
In Edlitz besuchte er häufig die Märchenbar, die über den Bezirk hinaus bekannt war für die Anbahnung zahlreicher Beziehungen. Dort drückte er seine Wünsche in die Jukebox, oft Heart of Gold von Neil Young und immer wieder Wer im Wartesaal der Liebe steht, die 1973 erschienene deutsche Version von ABBAs Another Town another train:
Wer im Wartesaal der Liebe steht
Weiß, daß es um alles geht
Und man fragt sich nur wie wird das noch enden?, sangen sie.
"Ich war auf Aufriss", erzählt Harald. "Aber Glück bei den Mädels hab ich keines gehabt." Auch nicht, als er vom FIAT in der Schönbrunner Straße längst zum Moser in die Jörgerstraße gewechselt war, wo man sich auf Autotuning spezialisiert hatte. "Aber das habe ich nicht geschafft, also habe ich dort bald wieder aufgehört." Er wechselte zu Stua & Höpfl bei der Ameisbrücke, dem damals größten VW-Händler der Stadt, und tauschte den Fiat gegen einen VW Passat mit 60 PS. Am Freitagnachmittag raste er darin mit 140 km/h über den Grünen Berg hinaus nach Edlitz, am Montagfrüh raste er darin wieder zurück.
Zum Fliegerhorst in Langenlebarn, wohin er als 19-jähriger einrückte, brauchte er von Wien nur eine Stunde - "Heute sperren sie dich dafür ein." Dort schickte man ihn aber nach zwei Wochen wieder nach Hause, "weil ich nur 49 Kilo wog bei 172 cm Körpergröße, obwohl ich in der Früh vor der Arbeit daheim immer sieben Marillenknödel von der Mama gegessen habe." Den Präsenzdienst bog er schließlich doch noch als Systemerhalter herunter: "Ich habe Häusl geputzt und Wache geschoben." Verschwendete Zeit.
Danach absolvierte er die Ausbildung zum Berufskraftfahrer und lenkte bei den Wiener Linien für 12.000 Schilling netto pro Monat den 48 A hinaus zur Baumgartner Höhe, fuhr City Busse in der Innenstadt oder den 57A, "in den frühmorgens manchmal der Kurt Ostbahn einstieg, mich freundlich grüßte und irgendwo hinten Platz nahm." Den Lohn gab er nach Feierabend in Wiener Caféhäusern aus und drückte immer noch ABBA in die Jukebox, wenn er am Wochenende wieder hinaus nach Edlitz in die Märchenbar fuhr:
Wer im Wartesaal der Liebe steht
Hofft es ist noch nicht zu spät
Alles wird sich vielleicht zum Guten wenden
1983 klappte es endlich doch mit der Liebe: "Sie war 16, ich 26", erzählt er, und drei Jahre später verließ er als letztes Kind sein Zimmer bei den Eltern. Gemeinsam zog das junge Paar in die Wohnung im 15. Bezirk nahe der Schmelz, in der er noch heute lebt, 42 Quadratmeter im ersten Stock. Seinen Job bei der Gemeinde hatte er da "wegen angeblicher Trunkenheit" bereits wieder verloren. Danach arbeitete er bei Dr. Richard und beim Postbus und fuhr "an drei Tagen 16 bis 18 Stunden, dann hatte ich zwei Tage frei." Als seine Freundin, die bei einer Größe von 157 cm nur 37 Kilo wog, auf Kur gehen musste, wollte er das Wochenende davor mit ihr verbringen. Am Donnerstag aber drückte ihm ein Kollege den Plan für das Wochenende in die Hand mit schönem Gruß vom Chef. "Da hab ich drauf geschissen."
Nach sechs Jahren Beziehung fand die Hochzeit statt. "Alle Verwandten sind gekommen", erinnert er sich, im Stüberl eines Gemeindebaus an der Hütteldorferstraße wurde gefeiert. Das Glück währte nur vier Jahre. Als seine Frau 26 Jahre alt war und sie an Grundstückskauf und Hausbau dachten, verließ sie ihn mit den Worten: "Ich liebe dich nicht mehr, ich möchte frei sein." Da war er 37 Jahre alt, und er sollte nie wieder eine Beziehung haben.
Als er arbeitslos wurde, saß er meistens in einem Café im 15. Bezirk und trank fünf oder sechs Biere, bevor er nach Hause ging, wo er es alleine nicht aushielt.
"Mit 56 Jahren war ich über den Winter zum ersten Mal für drei Monate in Thailand", erinnert er sich, aber nicht wegen des Amüsements, sondern wegen der Kosten. Zu Hause sparte er auf diese Weise Strom und Gas, und dort gab er während der drei Monate nur 900 Euro aus. Er wog zwölf Kilo weniger, als er zurückkam, und als er mit 60 noch einmal dort war, hatte er das Gefühl, dass man ihn dort nur noch betrügen würde. Das war es mit ihm und Thailand.
Keine Liebe zu Wien
Aber Wien, sagt er, mochte er auch nie, er wollte immer lieber aufs Land hinaus. Kinder hätte er mit seiner Frau gerne gehabt, aber nur im Grünen. Heute ist er froh, dass daraus nichts geworden ist. Zur Wahl ging er an dem Tag, als seine Mutter starb, nicht, denn vertreten fühlt er sich schon lange von niemandem mehr. "Wenn ich den Fernseher nicht zusammenhauen will beim Nachrichten-Schauen, drehe ich ihn lieber gleich nicht mehr auf." Dabei ist der Fernseher seine einzige Unterhaltung: Er schaut "Wer weiß denn so was?" oder "Kaum zu glauben!", Wissenssendungen, Rate-Shows oder alte Hans Moser Filme. Und noch früher "bin ich fast vom Sessel gefallen, als ich Vier Fäuste für ein Halleluja gesehen habe." Das war im Odeon-Kino, das 1978 zusperrte.
Während der letzten Jahre reparierte und verkaufte er noch gebrauchte Fahrräder: "In der Zeit, in der ich im Keller am Radl gearbeitet habe, war ich wenigstens nicht im Kaffeehaus und habe Geld ausgegeben." Er bekommt knapp über 1000 Euro Pension, davon bezahlt er 300 Euro Miete für die Wohnung. Einkaufen tut er streng nach Angeboten, sammelt aber nirgendwo Markerl, "weil da musst du um mindestens zehn Euro einkaufen." Neulich beim SPAR gab es die Kiste Bier "um 13,80 statt normal um 27", also hat er gleich zwei davon genommen. Er räumte 36 Flaschen in sein Einkaufswagerl und steckte vier in seinen Rucksack, ließ Wagerl und Rucksack bei der Kassa stehen und brachte die Kiste gleich wieder zu den Retouren, wo er sich das Pfandgeld holte. Da hatte er das erhebende Gefühl, irgendwie alles richtig gemacht zu haben. Auch der Kassenzettel stimmte, den er sich immer misstrauisch anschaut. "Gestern war das Geschirrspülmittel beim Spar um 1,19 angeschrieben, bezahlt aber habe ich 1,29. Was glaubst du, wie oft die dich bescheißen?"
Zum Frühstück isst er meist zwei Semmeln mit Wurst oder Speck. Vor ein paar Tagen hat er am Meiselmarkt drei Kilo Schweinegulasch im Angebot bekommen, die er zu acht Portionen verkochte, sieben davon hat er eingefroren. Für die Nockerl hat er Mehl aus der Wohnung der Mutter genommen, das vor dreizehn Jahren abgelaufen war. "Ein paar schwarze Kugerl waren halt drinnen, die hab ich rausgenommen, dann hab ich es mit frischem Mehl vermischt. Wird ja sowieso viel zu viel weggeworfen heutzutage."
Was die Zukunft für ihn noch bringen wird? "Ich werde in einem Wellpappenkarton drin liegen und hinein mit mir in den Ofen. Dann werd‘ ich viel länger tot sein als ich darauf gewartet habe, geboren zu werden."
Er klingt nicht so, als hätte er jemals wirklich darauf gewartet.