Schulgarten Kagran
Foto: Christian Fischer
Der Schulgarten Kagran zählt zu den verborgensten Grünanlagen Wiens. Zwischen Monet-Garten, Hexengarten und historischen Pavillons lernen hier Floristen, Gärtner und Klimagärtner ihr Handwerk.
Ein Besuch
Am 09.07.2026 im STANDARD
Dass wir hier überhaupt noch Spazierengehen können, verdanken wir dem ehemaligen Bezirksvorsteher der Donaustadt. „Franz-Karl Effenberg hat sich sehr für den Erhalt des Geländes als Schulgarten eingesetzt“, erklärt Doris Demuth von den Wiener Stadtgärten, und so eine weitere Ausdehnung von Lärm und Beton verhindert. Man darf Bezirkspolitiker also auch einmal loben. Ein Themengarten mit asiatischen Elementen wurde ihm schon gewidmet.
Doris Demuth von den Wiener Stadtgärten. Foto: Christian Fischer
Was es zu erhalten galt: 1912 wurde hier die Orangerie als Pflanzenüberwinterungshaus fertiggestellt und 1928 in ein Schulgebäude umgewandelt. Ein Jahr später übersiedelten die Floristen, die man damals noch Naturblumenbinder nannte, aus Wien-Mariahilf hierher. Nach dem Krieg wurde die Fläche für die Gemüseproduktion genutzt. 1960 übernahmen die – heute so genannten - Wiener Stadtgärten die Neugestaltung, der Wirkungsbereich der Schule wurde auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet mit achtwöchigen Lehrgängen für gewerbliche GärtnerInnen und FloristInnen. 1977 zwickte man für den U-Bahnbau einen Hektar ab, die verbliebenen sechs teilen sich, so Demuth, wie folgt auf: „Ein Drittel Baumschulen-und Gemüsebereich. Ein Drittel Anzucht-Gewächshäuser mit Folientunnel. Und Richtung U-Bahn eine Parkgartenanlage mit schönem Altbaumbestand.“ 2000 wurde mit dem Bau der Schule am Gelände begonnen, die zwei Jahre später den Betrieb aufnahm.
„Die Wiener Stadtgärten beschäftigen hier zwölf Fachkräfte, die sich um mehr als 20 Lehrlinge kümmern“, erklärt sie weiter. Deren Hauptaufgabe wäre, „Praxisflächen und Pflanzenmaterial für den Berufsschulunterricht zur Verfügung zu stellen.“ Demuth zeigt uns das „Floristenschnittquartier“ und die „Sommerblumenschau“, wo man einzelne Blumen auch zeitversetzt kultiviert, „damit die SchülerInnen, wenn sie im Herbst kommen, aus dem Vollen schöpfen können.“
Der Hochzeitspavillon, an dem wir nun vorbeikommen, „enthält Teile, die 1873 bei der Weltausstellung im Prater gestanden sind.“ Er wird Hochzeitspaaren vom Standesamt Donaustadt als „Traumhochzeitstandort“ angeboten. Eine solche kann man jedes Jahr im Mai für das Folgejahr buchen, die Termine sind äußerst begehrt. Neben dem Pavillon steht die „Blumeneule“, die drei Mal im Jahr neu gestaltet wird: „Im Frühjahr mit den Stiefmütterchen, im Sommer mit Sommerblumen, im Herbst mit einem Winterkleid aus Ästen von Koniferen.“ In der Duftpelargonienschau reiben wir unsere Finger an Blättern und riechen Zitrone und Minze. Herrlich!
Ungefähr 400 Schüler nützen den Garten, teils zum Blockunterricht, teils an einem ganzen Tag pro Woche und einem zusätzlichen halben alle zwei Wochen. In Fächern wie Mathematik („Wie viele Knollen pro Reihe gehen sich aus?“) merke man einen „Aufholbedarf“, sagt Demuth diplomatisch. Das dürfte auch bei den Schülern des neuen Lehrberufs Klimagärtner nicht anders sein, der seit dem heurigen Schuljahr angeboten wird. Evans aus dem Nordburgenland gehört noch zur alten Schule: „Mia hod dos Gartln imma getaugt“, sagt er, der in Wien bei den Bundesgärten arbeitet. „Es mocht Spaß! Außa dos Unkrautjät‘n.“ Heute werden sie „irgendwos obmess‘n und a Skizzn moch’n.“ Verrechnen verboten!
Evans, Gärtnerlehrling. Foto: Christian Fischer
Die Obstbäume, zu denen wir nun kommen, werden im Zuge eines Veredelungskurses weiterkultiviert, bei den Prüfungen werden sie als Pflanzübung oder für den richtigen Kronenanschnitt herangezogen. „Das Baumsortiment“, erklärt Demuth, „wird laufend adaptiert. Es werden Arten rausgenommen und andere, die bei Testungen für gut befunden wurden, reingenommen.“
Der Gingko-Goethe-Garten ist einer der zahlreichen „Themen- und Künstlergärten“ hier. Goethe wird sich am fauligen Geruch der Früchte des weiblichen Gingko-Baumes nicht gestoßen haben, im Gegenteil: Der leidenschaftliche Nebenerwerbsbotaniker, der die Urpflanze mit Wurzel, Spross und Blatt definierte, hat für eine verehrte Dame sogar ein Gingko-Gedicht geschrieben, das man hier nachlesen kann.
An „schnittverträglichen Hecken wie Feldahorn oder Goldjohannisbeere“ vorbei kommen wir zum Steirischen Beerengarten, „in dem Gehölze ausgepflanzt sind, deren Früchte landläufig als Beeren bezeichnet werden, aber keine sind.“ Das gelte für Himbeeren, Brombeeren oder Erdbeeren. Dafür zählen Weintraube und Kiwi zu den Beeren. Interessant!
Im dahinterliegenden Kräuterfeld erwarten uns der ungewöhnliche Duft des Colakrauts sowie jener der Gummibärpflanze. Um diese sammeln sich gerne die Kinder von Schulklassen, die hier für Workshops durchgeführt werden. Im benachbarten Nützlingshotel „nach dem Konzept der Österreichischen Gartenbaugesellschaft“ bekommen sie hingegen relativ wenig zu sehen. Die Nützlinge residieren meist auswärts.
„Die Pflanzen im Hexengarten sind mindestens mindergiftig“, sagt Demuth. Tollkirsche und Eisenhut würden ordentlich Wirkung entfalten, sollte man sie in schlechter Absicht servieren. Und der phototoxische Riesenbärenklau sorgt für Blasen an der Haut, wenn man in der kurzen Hose reinläuft. Auf dem „Musterfriedhof“ für die wenigen Friedhofsgärtnerlehrlinge, der weiter hinten liegt, würde man aber vermutlich trotzdem nicht landen.
Auf manchen Flächen sendet man bewusst Signale nach außen, „denn viele Menschen aus der Umgebung wissen gar nicht, was sich hier hinter den Hecken und Zäunen für ein Schatz verbirgt.“ Die Baumreihe mit im Jahr 2000 gepflanzten Rotbuchen unterschiedlicher Sorte zum Beispiel: „Säulenförmig die einen, breit und ausladend die anderen.“ Der Shakespeare-Garten mit Pflanzen, die in dessen Werken erwähnt wurden. „Wir haben sehr kreative Köpfe!“, lobt Demuth die Themengärtenentwickler, die seit 1999 der ohnehin schönen Natur noch zusätzliche Schönheit einpflanzen.
Verwunschener Garten. Foto: Christian Fischer
Der Monet-Garten ist der wohl bekannteste. Er liegt an der U-Bahnstation Kagran, von der aus man an Besuchertagen direkt herunterkommen kann: „Letztes Mal waren es über 1500“, sagt sie, „von April bis Oktober an jedem ersten Donnerstag im Monat und zusätzlich in den Sommerferien von Mittwoch bis Freitag in jeder Woche sperren wir auf.“ Manche Besucher kämen in der Früh und verbringen den ganzen Tag hier. Sie erfreuen sich an Seerosen im Teich und dem Boot dahinter. Nachgebildet ist das alles Monets unterm Gartenbereich in Giverny mit Blutbuche, Trauerweide und Bambus am Teichrand. Das Mosaik stammt vom phantastischen Realisten Leherb. Es zeigt den Meister als Gärtnergott Vertumnus und seine Frau Lotte Profohs als Blumengöttin Flora. Über den Griechischen Garten kommen wir zum Pannonischen Bauerngarten, der von einem typischen Staketenzaun begrenzt wird. Darin steht ein Bienenhaus aus Oberwart. Schön ist es hier, friedlich und ruhig. Danke, Herr Bezirksvorsteher!
Der Monet-Garten. Foto: Christian Fischer
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