Zauberhafte Amateure
Wolfgang Meindl aka Zauberer Volcano
Wolfgang Meindl zaubert, seit er sich vor sieben Jahren in den Ruhestand begeben hat. Freilich hatte er sich schon viel früher mit der Zauberei beschäftigt. „Allerdings unter vollkommen falschen Voraussetzungen. Es ging um Zaubertricks und nicht um Zauberkunst.“ Der Unterschied? „Beim Trick steht die Technik im Vordergrund, bei der Zauberkunst die Kreativität. Man macht aus einer relativ einfachen Handlung ein Kunststück, das Staunen verursacht oder die Leute zum Lachen bringt.“
Grundsätzlich gebe es unendlich viele Zauberkunststücke, erklärt er. „Dafür verwendet werden Münzen, Spielkarten, Schaumgummibälle oder Seile – Was es halt gibt!“ Diese Gegenstände müssten mit verschiedenen Effekten bespielt werden: „Transformation, Vermehrung, Illusion oder Hypnose.“ Zwei Bücherregale sind bei ihm zuhause gut mit Zauberliteratur bestückt. „Es gab den Harlan Tarbell“, sagt er, „der im Wochenabstand kleine Broschüren herausgebracht hat über jeweils ein Kunststück oder eine Gruppe von Kunststücken.“ Daraus wurde ein achtbändiges Werk, in dem er immer wieder gerne blättert. „Der Magic Christian“, sagt er ohne Neid, „hat ganze Bibliotheken voll mit solchen Büchern.“
Erich Waldmann-Glaser aka Zauberer “Le petit Éric”
Im Brotberuf war Meindl Chemiker, als spätberufener Zauberer nennt er sich Volcano. Ansporn und Korrektiv ist ihm seine Lebensgefährtin. „Das hast du gut gemacht!“, sagt diese, sobald er ihr etwas vorführt. „Das musst du anders machen!“, sagt sie, wenn es nicht funktioniert. Funktionieren tut es, wenn er folgenden Ratschlag beherzigt: „Der Auftritt muss zur eigenen Persönlichkeit passen. Wenn man sich zu etwas zwingen muss, kommt es nicht gut rüber.“
Seine Lebensgefährtin hatte mit der Zauberkunst nichts am Hut, bis sie ihn kennenlernte. Heute ist auch sie aktives Mitglied und hilft bei der Organisation ihres Vereins, der in Penzing angesiedelt ist. Die Rede ist von den „Wiener Zauberfreunden“. Bevor dieser sich gründete, fand Meindl sich mit anderen Zauberbegeisterten zum Fachsimpeln oder Zeigen neuer Tricks zusammen. „Einer davon war der Gerry Hornek, Betreiber des Schutzhauses Wasserwiese im Prater, wo er einen Theatersaal mit Bühne und Tonanlage hatte.“ 2019 war Schluss mit Reden, und Meindl präsentierte seine erste Zaubershow, für die er auch eine Dramaturgie entwickeln musste: „Ich plaudere ein bisschen, lenke ab, tue so, als würde etwas schiefgehen.“ Um „Magie“ zu entwickeln, nahm er ein Fläschchen „Maggi“ mit auf die Bühne. Am Tag nach seinem ersten Auftritt verstarb Gerry Hornek, der sich als Zauberer Gerry de Silver nannte, überraschend mit 50 Jahren, und die hinterbliebenen Wiener Zauberfreunde beschlossen, im Angedenken an ihn den gleichnamigen Verein zu gründen.
Marion Glaser wiederum war 19, als sie in Londons Straßen „Street Magic“ sah: „Ich war hin und weg!“ Nach ihrer Rückkehr hat sie sich Equipment und Beschreibungen für ein paar Tricks gekauft und im Bekanntenkreis welche vorgeführt. „Aber die Karten wurden nach jedem Trick schlechter, und bald sagte ich: Aus, Ende!“ Zur Hochzeit mit Erich Waldmann-Glaser (Als Zauberer Le Petit Éric – und das bei über zwei Metern Körpergröße!), buchten sie einen Schulfreund für eine Zaubershow. Da war sie bereits schwanger mit ihrem Pascal, „und es scheint, als hätte der Zauberer das Talent in ihn hineingezaubert.“ Heute ist der Filius nämlich Mitglied im Club des legendären Magic Christian, in den sie sich selbst damals nicht zu gehen traute. Dessen Club gibt es seit über 100 Jahren, er wurde zuvor von Hans Peter Kersten geführt, der berühmt war für seine Durchdringungsillusionen. „Schon als Kind fächerte Pascal mühelos Karten auf“, erzählen die Eltern stolz. Heute lässt er seine eigenen Karten produzieren, denn eines braucht ein Zauberer immer: Ein Set guter Karten!
Pascals Vater Erich besitzt die Immobilie, in der das Magie & Art Theater untergebracht ist. „Da draußen war eine Kfz-Werkstätte“, erzählt er, „vorne das Büro, und wo jetzt das Theater ist, war das Ersatzteillager.“ Dieses wurde zur Bühne umgebaut, als Pascal eine brauchte. Nun steht der Vater gebückt oben auf der Galerie und bedient Licht und Ton, wenn der Sohn herunten Programm macht oder Zauberer Volcano auftritt. Die erste Show füllten sie per Mundpropaganda im Freundes- und Bekanntenkreis. 25 Euro bezahlen die Erwachsenen heute Eintritt, von denen 24 hier Platz finden. „Die Kinder saßen aber auch schon in dicht gedrängten Reihen bei den Kindernachmittagen“, erzählt Meindl, und durften sogar lachen, als er bei einem Auftritt über eine Vorhangschnur stolperte und bäuchlings auf der Bühne landete. Sie dachten, das gehöre zur Show!
„Alle zwei Jahre wird in Bad Aussee der Fröhlich-Kongress abgehalten“, gibt Meindl weitere Einblicke. „Organisiert vom Magischen Ring Austria, dem Dachverband aller Zauberklubs.“ Er und seine Lebensgefährtin nehmen sich dort jedes Jahr eine kleine Ferienwohnung, kommen als erste und reisen als letzte ab. Pascal möchte dort heuer am Wettbewerb teilnehmen, nachdem er letztes Jahr mit seiner Mutter zusammen sogar in Turin bei der FISM ITALY 2025, der World Championship of Magic, war: „3000 Zauberer in der FIAT-Halle, die Karte kostete über 1000 Euro. Dort gehen Profis, die die Stadthalle füllen, in Seminare, um zu lernen.“
„Wien ist eine der tollsten Städte für Zauberei“, schwärmt Meindl. „Ende des 19. Jahrhunderts gab es hier eine Menge Zaubertheater mit langer Tradition, Kratky-Baschik war das letzte. Danach gab es anderes Entertainment wie die Fahrgeschäfte.“ Heute gibt es wieder die Magic World Vienna, „aber das ist eine andere Kategorie mit 170 Plätzen und Weltmeistern, die dort auftreten.“
Meindl hat sich heute einen großen Wollknäuel gekauft, um einen Trick zu erlernen, den der ehemalige Vizeweltmeister Wolfgang Moser gezeigt hat: „Der borgt sich auf der Bühne von einer Zuschauerin einen Ring aus, der verschwindet. Danach zeigt er andere Kunststücke, bis er sich an den Ring erinnert. Aus einer Schachtel hebt er ein Glas, in dem dicke Wollfäden sind – und der Ring!“ Wie das geht? Verrät er natürlich nicht.
Dem Leitsatz, wonach kein Magier seine Magie jemals verraten dürfe, folgen Zauberer auf Youtube, die dort ihre Tricks erklären, schon längst nicht mehr. Das wäre zwar gegen die Zaubererehre, sagt Glaser, hätte aber auch zu einem Boom beigetragen. Tricky Niki, Helge Thun oder FabFox treten längst im Casino Baden oder im Orpheum vor großem Publikum auf. Wolfgang Meindl aka Zauberer Volcano wird jedoch weiterhin im Magie & Art Theater auftreten. Geld verdient er dabei nicht, der Applaus seiner Wiener Zauberfreunde aber ist ihm sicher.
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