Anna Jeller
Anna Jeller ist Buchhändlerinnenlegende auf der Wieden in Wien
Wann sie gemerkt hat, dass sie eine Buchhändlerinnenlegende ist? „Das merkt man selbst ja nicht, aber naja, vielleicht vor zwanzig Jahren?“ Da plötzlich kamen sie und ihre Buchhandlung in diversen Prosawerken heimischer AutorInnen vor. Nicht alle von denen schätzt sie. Wen sie gar nicht mag, verraten wir hier nicht. Wenn Aversion im Spiel ist, verzichtet sie aber gerne auf den Umsatz und legt die Bücher erst gar nicht ins Regal.
Was sie hingegen liebt: Short Storys bzw. Erzählungen. „Das ist schon ganz hohe Kunst.“ Ein Wort, das in diesem Zusammenhang immer fällt: Lakonie. „Wenn etwas lakonisch ist, ist es schon mal nicht übertrieben. Das Lakonische kann man besser nehmen, das Übertriebene schiebt man schnell wieder weg.“ Sie erwähnt Ingeborg Bachmann: „Ihre Erzählungen sind alle großartig. Oder auch die von Joseph Roth.“ Im Englischen könne man freilich alles „lakonischer“ ausdrücken als im Deutschen: „She left me“ hat mehr Dramatik als „Sie hat mich verlassen.“ Sherwood Andersons Winesburg, Ohio, nennen manche das „vielleicht unbekannteste Meisterwerk“ der amerikanischen Literatur. „Obwohl er so knapp schreibt, ist es großes Kino“, sagt sie. Verlorene Jobs, Warten auf die Rückkehr der Jugendliebe… alles klassische Themen.
Was sie auch liebt: Den Sommer und Beschreibungen des Sommers. Ihr diesbezüglicher all-time-favourite ist Siebzehnter Sommer von Maureen Daly. „Es begleitet mich, seit ich 14 bin.“ Sie hat sogar einen Verlag gegründet, um das Buch neu übersetzt herauszubringen. Wie geht also Sommer? „Es ist heiß, es dampft, es drückt, es ist alles reif. Man ist selbst offener, man ist matter und deshalb vielleicht freundlicher. Es ist die Zeit, wo manche Tabus fallen.“ Ein sommerliches Kurze-Hose-Verbot für Männer gibt es in ihrer Buchhandlung deswegen nicht, allerdings: „Ich habe einmal zwei sehr fesche junge Herren gebeten zu gehen, weil sie so dermaßen stark gerochen haben, das war wie im Raubtierkäfig.“ Da stand aber nicht nur der Geruch junger Lust im Raum. „Da war auch viel Altes auf der Haut.“ Was daher unbedingt ebenfalls zum Sommer gehört: Regelmäßig duschen.