Emil Brix

Emil Brix, 69, ist Diplomat, Kulturpolitiker und Historiker

Foto: Emil Brix

Seine Sehnsucht, Weltbürger zu werden und trotzdem Patriot zu bleiben, wurde durch die Lektüre von Schnitzler und vor allem Zweig geweckt. Tatsächlich wurde er Meisterdiplomat, und als solcher weiß er: „Die beste Vorbereitung auf einen Einsatz im Ausland besteht im Lesen von Literatur aus diesen Ländern.“ Am Beispiel Russland, wo er von Jänner 2015 bis Dezember 2017 tätig war: „Ich habe alle Klassiker gelesen, um zu verstehen, wie dieses Land tickt.“ Zur vielbeschworenen „russischen Seele“ ist er dabei freilich nicht vorgedrungen. „Es war Churchill, der sagte: Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Rätsels innerhalb… usw. Die russische Seele gibt es nicht. Aber die Grausamkeit bei Dostojewski oder die Romantik bei Gogol oder das Christliche bei Tolstoi sind schon sehr wichtig, um zu verstehen, dass in Russland gewisse Dinge sehr radikal vonstattengehen.“  Russland ist ein totalitärer Staat, und wer über die Gefahren des Totalitarismus etwas lernen möchte, dem empfiehlt er Die andere Seite, Alfred Kubins einzigen Roman. „Darin schildet er, wie auf beiden Seiten des Arguments das absolute Chaos drohen kann.“

Seine Sehnsuchtsliteratur ist die französische, „obwohl ich sie am wenigsten verstehe. Oft frage ich mich: Wie machen die das? Sie schreiben sehr viel Philosophisches, tolle Kriminalromane, vieles über menschliche Beziehungen oder das Bürgertum und seinen Verfall. Wie kriegen die so gute Bücher hin?“ Qui sait!

Seine Sehnsuchtsstadt ist Krakau, wo er als junger Diplomat stationiert war. Dort stieß er auf Stanisław Lem und dessen Memoiren, gefunden in der Badewanne über einen entstehenden Polizeistaat und deren überbordernde Bürokratie samt Bespitzeln. „Das Totalitäre ist darin so gut beschrieben, dass man das Buch jedem empfehlen muss.“

Neulich hielt er dort einen Vortrag anlässlich der 40-Jahre-Feier der Österreich-Bibliotheken im Ausland. Titel des Vortrags: Wie klein sind Bücher? Kernaussage: „Wenn wir noch eine Vision haben wollen für unser Europa, dann müssen wir sie über das Lesen entstehen lassen, das Fantasie und Kreativität anregt.“ Und Sehnsüchte zu wecken imstande ist.

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Veronika Glatzner