Helge Timmerberg (extended version)
Morgen bricht er nach Vöcklabruck auf, Lesung mit Übernachtung, die haben sich bei ihm gemeldet: „Wir sind ein ehrenamtlicher Kulturverein, wie sind denn ihre Konditionen, können wir uns Sie denn leisten?“ Es ist nicht so, dass er das ausschlagen kann. Seinen größten Erfolg hätte er mit Lecko Mio – Siebzig werden haben können, aber dann war da Corona, und als das Buch hätte durch die Decke gehen können, konnte der Verlag wegen Papierknappheit drei Wochen lang nicht nachdrucken. Erfolgreich war und ist der SPIEGEL-Bestsellerautor natürlich trotzdem, aber damals: „Naja, war halt so.“ Gut irgendwie, dass er ständig kifft, denn so bleibt er auch in den Krisen entspannt.
Bei der Gelegenheit möchte ich ihm aber schon mal die Frage stellen, ab welchen Verkaufszahlen man denn eigentlich in die Spiegel Bestsellerliste kommt? „Ach“, sagt er. „Da kommst du locker schon mit 5000 Büchern rein, insgesamt wird ja mittlerweile total wenig verkauft. Es ist halt schön, wenn man sich das anschaut und sich dort findet. Um Kohle zu machen, musst du aber sehr lange auf den ersten drei Plätzen bleiben, und wer bleibt das schon?“ Auch von seinem Cannabis-Buch Joint Adventure, für das er zu Werbezwecken einen Cannabisanzug trug, „hatte ich mir viel mehr versprochen, in Deutschland bin ich ja bekannt als bekennender Kiffer.“ Aber die Leute kiffen heute scheinbar lieber selbst als dass sie ein Buch übers Kiffen lesen. „Da darf ich mich also nicht aufregen“, sagt er. „Ich lese ja selbst auch fast nichts mehr.“ Kiffen aber geht immer.
„Na gut, von Tom Kummer habe ich Von schlechten Eltern gelesen, und von Peter Huth habe ich das letzte Buch gelesen, der ist ein Freund von mir und ich mag seine Schreibe sehr gerne. Der Aufsteiger spielt im Journalistenmilieu, das habe ich geliebt, denn er hat unheimlich viel Humor. Humor finde ich das wichtigste. Ein Buch muss entweder humorvoll sein oder wirklich sehr gut.“ Aber sonst es bei ihm beim Lesen wie bei der Musik: „Ich höre am liebsten meine alten Heros, die Balladen von Hendrix oder Stevie Winwood. Ich finde selten neue Musik, die mich so begeistert wie die alte. Das liegt aber sicher auch daran, dass ich morgens nicht aufstehe und akribisch danach suche. Und bei Büchern ist es ähnlich.“
„Im Prinzip bewege ich mich in meiner Lesewelt von Hesse über den Fänger im Roggen bis Bukowski - solche Sachen. Dann hat mich mal DIE ZEIT angerufen, ich soll für eine Literaturbeilage über Der alte Mann und das Meer schreiben, und ich hab das nochmal gelesen nach zehn Jahren. Das ist stilistisch unerreicht, wenn er so beschreibt die Angelschnur oder das Ruder, da sitzt jeder Satz. Die berühmten kurzen Sätze! Genauso gerne mag ich aber Wem die Stunde schlägt, das bewundere ich. Da treibt der eine Geschichte in Dialogen voran, nicht so wie ich, wo ich schreibe: da passiert dieses und jenes, und dann sagt mal einer einen geilen Satz, und dann passiert wieder dieses und jenes. Nee, der lässt Leute reden, und dazwischen kommen kurze Einschübe: Wenn sie raus aus der Höhlung in die Lichtung kommen, da reichen ihm zwei, drei Sätze, und du siehst die Lichtung! Dann wieder Dialoge…“
„Genauso fantastisch finde ich Nabokovs Lolita, und der hat es nicht mit den kurzen Sätzen. Wenn man das nach zehn Jahren wieder liest, hat man ja alles vergessen gehabt, jedenfalls ging‘s mir bei Lolita so. Da war ich gerade auf meiner Reise In 80 Tagen um die Welt und saß auf einer griechischen Fähre und war da schon mal komplett happy, will die überall auf der Fähre so riesige Aschenbecher hatten, die kristallenen! Sonst ist ja überall in Europa oder überall sonst auf der Welt - außer in China – das Rauchen verboten, aber die Griechen, herrje! Solche Aschenbecher! Auf jedem Tisch! Die ganzen LKW-Fahrer da auf der Fähre haben geraucht, und ich denk mir: Wie geil ist das! Und da hatte ich die Lolita wieder mal ausgepackt und musste die ganze Fahrt in dem Salon immer wieder lauthals lachen, weil der hat einen Humor! Einmal beschreibt er, warum der Humbert Humbert gerne Straßenbahn oder Bus fährt: Weil er da immer so junge Mädchen in den Lederriemen hängen sieht. Ich ging krumm vor Lachen von Deck!“
„Mittlerweile akzeptiere ich aber verschiedene Arten von Schreibern und Schreibstilen. Auch Hundert Jahre Einsamkeit ist ein fantastisches Dahingeschreibsel, da purzeln die Sätze. Ich bin ja ein großer Gegner von diesen komischen Literatursheriffs im Feuilleton, die jedes Jahr etwas ausrufen: Die neue Nüchternheit. Oder die neue Nichtnüchternheit! Bei mir können alle nebeneinander bestehen, ich persönlich liebe die Mischung. Und wichtig ist mir auch, dass Bücher nicht zu lange sind. 200 Seiten ist gut. Der Siddharta hat 130 Seiten, das genügt auch.“