Herr Herbert

Herr Herbert, 62, ist pensionierter Koch, Kellner und Konditor. Er ist eine Person des Öffentlichen Lebens, weil er in der Öffentlichkeit lebt.

Foto: Rebhandl

Ich sehe ihn oft in der U-Bahnstation Stubentor Richtung Ottakring, er sitzt dort auf einer Bank in eine Decke gehüllt und liest immer ein Buch. Die Bücher besorgt er sich bei den Offenen Bücherschränken, frisch im Einkaufwagen: „Ein Monsieur Le Comte-Krimi von Pierre Martin. Es geht um einen jungen Adeligen, der sehr reich ist, aber ein Problem hat: Eine Familie, die ihn immer wieder beauftragt, gewisse Leute zu liquidieren. Das ist sehr witzig geschrieben. Krimis können gerne lustig sein. Was ich nicht mag, sind so unnatürliche Sachen, wenn es zu arg wird. Wie in den Schwedenkrimis.“

Gerade aber liest er: „Das war mein Leben vom Professor Doktor Sauerbruch, einer der bekanntesten Chirurgen des 20. Jahrhunderts.“ Bekannt wurde dieser, sagt Wikipedia, „unter anderem als Pionier der neuzeitlichen Thoraxchirurgie und der 1904 in Breslau entwickelten Unterdruckkammer sowie die Entwicklung einer künstlichen Hand.“ Herr Herbert liest gerne Biografien, „nicht nur von Ärzten, sondern auch von Schauspielern oder Sängern, auch von Politikern.“ Neulich die von Angelika Merkel. „Sie hat auch Fehler gemacht, die sie zugibt. Vor allem ihr Ausspruch ‚Wir schaffen das!‘ wird sie bis an ihr Lebensende begleiten. Sie war eine relativ kleine, unscheinbare Frau aus der ehemaligen DDR, die plötzlich die mächtigste Frau der Welt war …“

Oder eine nicht autorisierte Biografie über Frank Sinatra. „Ich glaube nicht, dass alles unwahr ist, was darin steht. Und wenn nur die Hälfte stimmt, dann sieht man ihn ein bisschen anders.“ Sinatra verehrt er, seit er über die Plattensammlung seines Vaters mit ihm in Verbindung gekommen ist. „Das tollste Konzert, das ich je erlebt habe, war am 3. Oktober 1984 ein Wohltätigkeitskonzert von ihm für Licht ins Dunkel in der Stadthalle. Ich kann mich deswegen so gut daran erinnern, weil es erstens großartig war und ich mehr als einen Monatsgehalt dafür ausgegeben habe.“

Aufgewachsen ist Herr Herbert in Wien-Simmering. Er absolvierte die Gastgewerbeschule am Judenplatz und hat danach die meiste Zeit in Tirol gearbeitet, darum nennt er sich „Wahltiroler, der die Berge liebt.“ Zuerst war er in Kitzbühel, dann auf der Zugspitze auf der österreichischen Seite. „Dort gibt es in Ehrwald einen wunderschönen, kleinen Friedhof, wo ich sehr zu meiner Überraschung das Grab von Clemens Krauss entdeckte.“ Dieser wurde vor allem als Interpret der Werke von Richard Strauß bekannt, er verfasste das Libretto zu dessen Oper Capriccio mit und dirigierte die Uraufführungen von vier seiner Opern.

Warum er all das weiß? „Weil mich die Sachen interessieren!“ Schon in seiner Kindheit las er sehr viel. „Aber meine Eltern haben mich nicht gedrängt. Die leben leider nicht mehr, sie waren 63 Jahre verheiratet. Bis auf die letzten drei Jahre, wo sie im Pflegeheim waren, hatten sie ein sehr glückliches Leben, obwohl sie auf vieles verzichtet haben zugunsten von uns vier Kindern.“ Der Vater war Maler und Anstreicher. „Er hat über 40 Jahre lang in der SGP gearbeitet, heute Siemens Verkehrstechnik. Und wenn man halt privat eine größere Ausgabe plante, dann hat er auch privat gearbeitet“, sagt er verschmitzt. Ich frage: „Er hat gepfuscht?“ Aber Herr Herbert entgegnet: „Pfuschen nennt man das nur, wenn man in einem marktfremden Beruf arbeitet! Sagen wir so: Er hat schwarz gearbeitet. Dadurch brauchte er nie einen Kredit aufnehmen. Es hat daher auch Zeiten gegeben, wo ich den Paps selten gesehen habe. Aber eines war immer klar: In den Weihnachtsferien hat auch er immer Urlaub gehabt, weil damals konnte man noch im Voraus die Zeit einarbeitet. Das geht heute nimmermehr.“

Das Platzerl, wo er immer sitzt und liest, wäre gut. „Man trifft manchmal Leute, mit denen man sich gut unterhalten kann. Und es ist besser als zuhause in der sehr kleinen Wohnung, die er hat. „Ich muss die Heizkosten drosseln. Das ist ja ein aktuelles Thema. Dort kann ich am Tag die Heizung nicht ganz abdrehen, aber auf ein Minimum drosseln. Wenn ich heimkomme, kann ich sie ein bisschen aufdrehen. So spart man sich doch was…“ Und lesen kann der Mensch schließlich überall. Frohe Weihnachten, Herr Herbert!

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Lisa Kaltenegger

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Vincent Bründlmayer