Philipp Blom
Philipp Blom, 56, ist ein deutscher Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer. Foto: Philipp Blom
Der kleine Philipp hat gelesen, „sobald ich es genussvoll tun konnte. Beispielsweise im Schulbus, wo ich einfach verschwinden konnte.“ Die anderen Kinder in Detmold, wo er aufwuchs, haben ihn in Ruhe gelassen, erst recht, als der Walkman aufkam. „Da waren alle in ihre Musik versunken und ich in meine Bücher.“ Ein großer Mädchenmagnet waren seine Bücher freilich nicht: „Die fanden das irgendwie eher blöd, dass da einer Bücher las, Geige spielte und klassische Musik mochte.“ Daran hat sich bei heute nicht viel geändert.
Neulich machte er eine Ö1-Sendung zum Thema: „28 Prozent der Menschen in Österreich können nicht sinnerfassend lesen. Lange Sätze oder Texte werden daher möglichst gemieden.“ Experimentelle Literatur, wie er sie liebt und wie sie bis vor 20 Jahren noch möglich war, fände heute auch deshalb keinen Verlag mehr. „Die werden alle sagen: Tolles Buch, aber es wird sich nicht verkaufen.“ Auch ein Robert Musil würde heute seinen Mann ohne Eigenschaften, „den ich übrigens gerade nochmal lese und immer noch großartig finde!“ -, nicht mehr verlegt kriegen. „Diese langen Sätze und die Tatsache, dass über 800 Seiten eigentlich gar nichts passiert, wären heute einfach nicht mehr möglich!“ Die Agenten würden sagen: „Schreib uns doch mal einen Elevator-Pitch, Robert! Sag mal, worum es überhaupt geht!“
Richtig umgehauen hat ihn, als er das Buch als junger Mann las, Stichwort: Liebe von David Grossmann (1991). Es führte ihn zu Bruno Schulz, den polnisch-jüdischen Schriftsteller, „der für mich fast besser als Kafka ist.“ Heute, inmitten des ganzen Wahnsinns in Nahost, denkt er, der auch Judaistik studiert hat, oft an Grossmann, „der inzwischen ein guter Bekannter geworden ist und dessen ganzes Lebenswerk in Ruinen liegt, weil er sich immer für Frieden zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern eingesetzt und in diesem Konflikt auch seinen Sohn verloren hat. Die Verquickung jüdisch-europäischer Kultur und moderner israelischer Kultur in diesem Buch sowie von Realistischem und Fantastischem finde ich einfach großartig.“ Wenn die Realität doch endlich mal Frieden bringen würde.