Günther

Foto: Rebhandl

Günther ist 58, es geht ihn gut. Ich treffe ihn am Vormittag des diesjährigen Karfreitags in seiner Bäckerei gegenüber der Kirche in Windischgarsten. Ich bestelle einen Espresso, während die ganze Zeit Leute hereinkommen: „Bitte für Montag möchte ich vierzig Jour-Gebäck bestellen.“ – „Gut, ab 7 Uhr bin ich da.“ – „Aber weniger die Salzigen.“ – „Passt.“

Er hat in Ried im Innkreis Bäcker gelernt bzw. „habe ich mir das meiste eigentlich selbst beigebracht, weil gelernt hab ich dort nicht viel.“ Gestern hat er um 21.30 Uhr abends angefangen zu arbeiten, jetzt ist es 9.30 Uhr, seit zwölf Stunden steht er also hier, und es wird noch ein langer Tag werden. „Während der Osterzeit ist noch einmal mehr los als sonst, da gib i Voigas“. Um die 100 Osterlämmer hat er in den letzten Tagen gebacken, und Hunderte seiner hervorragenden Beugel…

https://www.salzkammergut.at/erleben/essen-trinken/rezepte/artikel/detail/8817/beugel.html

… die mich wieder an einen Brauch meiner Kindheit erinnern, ans Beugel-Reißen. Immer rissen zwei an einem, und wer das größere Stück hatte, war der Sieger. Seltsamer Brauch.

Die von Günther sind aber nicht so hart wie die früher vom Bäcker Leitner, „denn ich mache sie mit Roggenmehl, Kümmel und anderen Gewürzen, forme sie, stelle sie kalt, damit sie nicht ‚gehen‘, lege sie kurz in kochendes Salzwasser und dann aufs Blech, wo sie sofort bei 250 Grad ‚schießen‘ - eine brutale Arbeit.“ 80 Cent bekommt er pro Strück, für das Geld bekommt aber mehr als ein Beugerl: „Wenn du mal einen schlechten Magen hast, reguliert es den extrem!“ Er macht sie fast das ganze Jahr über, „außer es wird im Sommer extrem heiß.“ Sogar Babys würden sie lieben: „Wenn sie erst zwei Zähne haben, zuzeln sie daran.“

Er hat keine eigene Backstube sondern macht alles hinter der Budel seines Verkaufsraums, wo er mit einer einzigen kleine Knetmaschine arbeitet und das meiste mit den Händen erledigt. Er kauft keine Mehlmischungen, sondern nur bestes Mehl von einem kleinen Müller,  dem Passenbrunner….

https://www.passenbrunner-muehle.at/

„Und im Brioche habe ich mehr Donner drin als andere Bäcker im Krapfen, natürlich alles ohne zugesetzte Aromen. Die Leute mögen das voll gern!“

Voll gern mag er selbst die US Open, das alljährlich vierte Grand-SlamTurnier, das immer im August/September am USTA Billie Jean King National Tennis Center in Flushing Meadows im New Yorker Stadtteil Queens stattfindet, wohin er seit 1999 jedes Jahr reist. Er bucht seine Flüge immer schon im Frühling (so auch jetzt) bei Delta Airlines, wo er das Economy Premium Ticket schätzt. Anstatt aber direkt nach NY zu fliegen und am JFK International Airport zu landen („Der ist mir zu groß und zu alt!“), fliegt er lieber den Umweg über den Wayne County Metropolitan Airport in Detroit („Wo ich immer ein Golfgeschäft besuche, in dem ich einkaufe, und die S-Bahn ist auch super, die alle Terminals miteinander verbindet“), weil er dann lieber am New Yorker Inlandsflughafen La Guardia ankommt, „den sie super hergerichtet haben.“ Vom La Guardia fährt er dann immer hinaus nach Long Island City, wo er im Hilton Garden Inn oder im Residence Inn wohnt.

Ab 11 Uhr ist er dann jeden Tag in Flushing Meadows, kauft sich einen Fruchtbecher mit frischen Früchten und dann um 113 Euro eine Karte für die Day-Session, mit der er sich auf dem ganzen Gelände bewegen darf: „Die großen Spiele waren früher im Louis Armstrong Stadion, 1995 haben sie das

mit 22.547 Sitzplätzen dazu gebaut. Ab 18 Uhr ist dann die Night-Session, die ist gewaltig, wenn du da im Arthur Ashe 60 Meter oben sitzt, geht es voll steil hinunter, da darf kein Alkohol im Blut sein.“ Auf den Monitoren verfolgt er, auf welchem Platz gerade eine Entscheidung bevorsteht: „Dann gehe ich zum Grand Stand rüber oder zum Platz 17 und schau mir schnell die letzten Games an. Und dann bin ich schon wieder unterwegs, zwischen den einzelnen Games darf man sich immer auf seinen Platz setzen.“

Nach der Day Session fährt er dann noch gerne nach Manhattan auf einen Absacker hinein: „Mit der Seilbahn entlang der Queensborough Bridge.“ Dort schaut er immer in den Central Park und besucht die Strawberry Fields…

https://de.wikipedia.org/wiki/Strawberry_Fields

… die Yoko Ono nach dessen Tod für John Lennon gestaltet hat. Oder er fährt hinunter zum World Trade Center Memorial und erinnert sich an 1999, als er zum ersten Mal in New York war und noch die Twin Towers besucht hat.

Günther 1999 in New York

„Seither hat sich New York sehr verändert“, sagt er. „Aber nicht zum Guten.“

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Melitta