Melitta
Foto: Rebhandl
Ich sehe die elegante Damen mit der schönen Brille im Zug von Selzthal nach Graz, sie sitzt neben mir in einer Loge und blättert in einer alten Gala, während alle anderen in ihr Handy starren. Plötzlich fragt sie die Frau ihr gegenüber, wie es ihr denn gehen würde? Sie kommen ins Gespräch. Die elegante Dame zeigt ihrem Gegenüber Modefotos aus der Gala, die sie schrecklich findet. An Nicole Kidman, die auch abgebildet ist, lässt sie kein gutes Haar: Eine Nichte von ihr betreibt in München eine große Kostümfirma und hätte bereits mit ihr gearbeitet - keine gute Erfahrung. Und ihr seltsames Gesicht…
Als wir beide in Graz aussteigen, frage ich sie, ob sie mir bei einem Kaffee erzählen möchte, warum sie so gut gelaunt und lebensfroh ist. Sie willigt gerne ein und sagt mir, dass sie Melitta heißt. Wir setzen uns in die Aida am Bahnhof, sie trinkt eine heiße Schokolade, währernd sie erzählt: Dass sie 1947 in Fohnsdorf geboren wurde, „im tiefsten Braunkohlerevier.“ Der Urgroßvater erwarb dort mitten im Ort 1865 eine Liegenschaft mit Gasthaus. „Der war ein gscheiter Bursche. Als Viehhändler hat er dort öfter sein Vieh vorbeigetrieben und dachte wohl öfter: Das sollte ich kaufen. Dann stand es wirklich zum Verkauf, als der Eigentümer in Konkurs ging, er hat zugeschlagen, und acht Jahre später war er schon Bürgermeister – damals hieß das noch Gemeindevorstand – von Fohnsdorf.“ Der Mann hieß Johann Pernthaler und lebte von 1831 bis 1902, Bürgermeister war er von 1873 bis 1878.
Melitta hat die Geschichte des Hauses bis ca. 1275 zurückverfolgt: „Dieses Grundstück gehörte zu den Salzburgern, bis 1903 wurden die Steuern dorthin abgeliefert. Erst durch die entsprechenden Reformen wurde die Verwaltung verändert und Gemeinden gegründet. Gemeindevorstände durften damals nur Menschen werden, die Besitz hatten, die Arbeiter und die Schuftenden durften es nicht.“ Da hat sich bis heute ja so viel nicht verändert.
Über ihren Vater hat sie ein kleines Büchlein geschrieben: „Der hat in den 1930er Jahren den ersten Werbekalender für Milch gemacht, der vom Staat gefördert wurde. Mit zwei Kollegen zusammen hatte er in Knittelfeld den Molkereiverband Murboden gegründet, er war für die Werbung zuständig und hat die damals weltbekannte Malerin und Grafikerin Norbertine Bresslern-Roth….
https://de.wikipedia.org/wiki/Norbertine_Bresslern-Roth
… beauftragt, zwölf Kalenderblätter mit verschiedenen Motiven zu liefern. Damals war ja die Rachitis sehr verbreitet, und Milch wurde als Gegenmittel angepriesen. Sie hat zum Beispiel Kinder gezeichnet, wie sie ohne den Genuss von Milch ausschauen würden.“ Heute ist Melitta im Besitz dieser Grafiken im Maßstab 10 x 14: „Leider sind es kein Ölbild!“, lacht sie. „Sonst tät ich heute nicht da sitzen.”
Ihr Vater war überhaupt sehr kreativ und sozial eingestellt, „aber leider wirtschaftlich nicht so geschickt.“ Am Hof hatte er begonnen, Zuckerrüben anzubauen, und als er sah, dass es den Leuten an Nahrung fehlte, stampfte er eine Sirupfabrik aus dem Boden und produzierte „Rübenkraut“: Der Sirup entsteht ohne Verwendung von Zusatzstoffen durch Eindicken des aus den gekochten Rübenschnitzeln gepressten Saftes. „Nach zwei Jahren ist das tolle Projekt mit Bomben und Granaten gescheiter. Danach hat er sich leider das Leben genommen.“
Da war sie zweieinhalb Jahre alt, sie hat ihn also nie richtig kennengelernt. „Bitte, wann ist denn geredet worden? Nichts ist geredet worden! Darum konnte ich unbefangen über ihn schreiben, ich bin verschont geblieben vom Schmerz. Ich hatte eine wunderbare Kindheit, alle haben eine Freude mit mir gehabt, meine Mutter hat immer gesagt: Komm her, mein Barockengerl! Weil ich so schöne Haare hatte.“
Erst als sie 15 war, erfuhr sie davon: „Ich musste im Gasthaus hinter der Theke mithelfen, dann ist so um 10 am Abend ein leicht Angeheiterter dahergekommen und hat gefragt: Wer bist denn du? Sag ich also, ich bin eine Tochter des Hauses. Sagt er: Ah, dann bist du die Tochter von dem, der sich aufgehängt hat. Bis dahin hieß es immer nur, die Mutti hat so viele Sorgen, ihr müsst brav sein. Wir waren einfach brav! Die Mutti hatte Schulden geerbt, musste die Scherben aufräumen und sechs Kinder durchbringen im Alter zwischen zweieinhalb und 19 Jahren, plus Landwirtschaft und Gasthof. Wie sie das geschafft hat, wird sie selbst nicht gewusst haben!“
Heute ist dankbar, „dass ich ein Dach über dem Kopf habe, dass keine Bomben auf uns fallen, dass ich mir das Leben leisten kann; dass ich Freundschafen und Familie habe und dass die Sonne scheint, was willst denn mehr? Alles, was ich jetzt bin, führe ich auf meine wunderbare Kindheit zurück. Leben heißt lernen. Wenn ich dort stehengeblieben wäre, naja…. Wichtig ist es, neugierig zu bleiben. Ich bin froh über jeden Tag, an dem es mir gut geht, ab und zu tut mir ein bisserl was weh, aber nichts Gröberes.“ Gerade schleppt sie eine seltene Ohrmuschelentzündung mit sich herum, „darum glänzt mein Ohr so“, lacht sie. Die Ärztin hat ihr gleich Penicillin verschrieben.
Sie hat die Lehrerinnenausbildung in Innsbruck absolviert, machte ihr Probejahr in Wien und arbeitete zwei Jahre an der Höheren Lehranstalt für Wirtschaftliche Berufe am Wiedner Gürtel. Danach war sie vom Lehrerinnendasein „enerviert“ und hat für eineinhalb Jahre in der Steiermark ein Restaurant geleitet. Als in Graz die berufspädagogische Akademie eröffnet wurde, fing sie dort an und blieb bis zur Pension. 2010 zog sie nach Wien, wo sie ihre Lebenspartnerin kennengelernt hat, deren Familie aus Bad Ischl stammt, wo sie nun mit dem Zug herkommt. „Leider ist sie seit sieben Jahren krank und hat mittlerweile eine 24-Stunden-Pflege.“
Das nimmt Melitta aber nicht die Lebensfreude, sondern gibt ihr die Möglichkeit, in Graz ihre Familie zu besuchen. Und morgen wird sie mit einer Freundin für drei Tage nach Venedig fahren, “Museen besuchen und gut essen.” Und im Zug wird sie vielleicht die Gala lesen und womöglich Menschen fragen, wie es ihnen geht.
Buon viaggio, Melitta!