Günther

Günther Agath (links) und Johann Pesendorfer. Foto: Rebhandl

Günther  ist 78, es geht ihm gut. Er und sein Freund Johann sitzen in der Helmut-List-Halle in Graz hinter mir, als wir auf den Beginn des Eröffnungsfilms warten – Rose von Markus Schleinzer. Ich höre die beiden über Commodore-Computer fachseimpeln und drehe mich zu ihnen um: Ob sie noch einen originalverpackten für mich hätten? Haben sie nicht, aber jede Menge guter bis unglaublicher Geschichten:

Sie betreiben in Kapfenberg seit 68 Jahren den Filmklub in Kapfenberg (https://filmklubkapfenberg.home.blog/, der jeden Dienstag Programm macht, „und zwar immer das Neueste vom Neuen: Filme über Kapfenberg.“ Begonnen haben sie mit 16 mm-Filmen, mit Normal-8, Doppel-8 und  Super–8, es kamen 35 mm Filme dazu. In der Videotechnik sind sie heute ziemlich weit vorne, in der Digitalisierung von analogem Filmmaterial auch. Sie haben noch Projektoren für alle Formate und können alle kompatibel machen. „Wir sind auch bei der historischen Aufbereitung von Filmen führend.“ Ihr ältester Film über Kapfenberg stammt aus dem Jahr 1931, den hat Günther am Naschmarkt in Wien gefunden, er zeigt Schispringen in Kapfenberg. „Gigantisch!“ Sie besitzen einen ersten Industriefilm für Böhler, vor kurzem haben sie einen Werbefilm für die Wirtschaft aus dem Jahr 1955 gefunden und überspielt: „Gott sei Dank hat uns das Filmarchiv dabei geholfen, denn es war ein Nitrofilm, und der wäre hochgegangen, wenn ich den länger im Auto auf der Rückbank mitgeführt hätte.“

Vor zwei Wochen haben sie vor 300 Leuten einen einstündigen Zusammenschnitt mit dem Titel Kapfenberg 1970 gezeigt, für die Jahre 1960 und 1950 haben sie DVDs herausgebracht. „Das Archiv ist gigantisch, wir haben alles auf Festplatten.“ Für solche einstündigen Zusammenstellungen sichten sie monatelang Material, das sie von der Stadtgemeinde bekommen oder von Familien oder Einzelpersonen. „Die hängen uns das an die Haustüre und sagen: Du bist verrückt, du hast eine Freude daran. Macht‘s was draus.!“  Diesen Freitag und Samstag veranstalten sie die „69. Landesmeisterschaften der steirischen Filmautoren, Festival im Spiel!Raum Kapfenberg“, 29 Amateure haben sich beworben. „Das ist alles verrückt, aber verrückt musst du sein!“

So, jetzt ist natürlich längst klar, dass es sich bei dem Verrückten um den Günther Agath handelt, der in der Steiermark weltberühmt ist, mir aber bisher unbekannt war. 1977 fanden in Velden die ersten „Österreischischen Filmtage“ statt, von 1978 bis 1982 taten sie das bei ihm in Kapfenberg, bevor sie als Diagonale nach Wels weiterzogen. Er ist also extrem involviert in das Film- und Kulturleben der Steiermark, aber auch mit Steven Spielberg befreundet, der allerdings auch ein halber Steirer ist: „1835 sind seine Vorfahren vor einer Hungersnot im Banat geflohen und beim Grafen in Spielberg untergekommen, aus Dank nahmen sie seinen Familiennamen an.“ Vor zwei Jahren lud ihn König Spielberg zur Oscar-Verleihung ein, und dort in Los Angeles erlebte er einen weiteren Höhepunkt seines an Höhepunkten reichen Lebens: Als glühender Basketballfan – „Kapfenberg feiert heuer seinen 50er, vielleicht schaffen wir den achten Titel!“ - konnte er ein Spiel der Lakers gegen die Toronto Raptors mitverfolgen, bei denen der Österreicher Jakob Plötl spielt. „Einmalig!“

Die Commodore-Computer wiederum kamen so in sein Leben: „Der Robert Seeger ist dir ein Begriff, oder? Der berichtete damals als ORF-Reporter für ein ORF-Spiel Mit 5 zum Erfolg.“ Schüler seiner Sporthauptschule Kapfenberg, wo er unterrichte, gewannen den 1. Preis dieses Spiels, der eben ein Commodore-Computer war. Den schleppten sie in die Schule, keiner hat gewusst, was sie damit machen sollten, die ersten haben eingegeben: Go to…  „Es war trotzdem ein Triumphzug!“

Er war 45 Jahre lang ein ungewöhnlicher Lehrer für Mathematik, lud den Axel Corti ein, Lehrerkollegen verpfiffen ihn, weil er Zeichentrickfilme zeigte anstatt Gleichungen zu unterrichten. 17 seiner Schülerinnen wurden trotzdem Mathe-Genies. „Ich hab nie Probleme gehabt, auch nicht mit den wildesten Schülern.“ Vielleicht wegen seines Engagements?

Es gab einen alten Lehrer an der Schule. „Und als ich mich bemühte, den Schülern den Vogelflug nahezubringen, also wie ein Vogel halt fliegt, hat dieser Lehrer zu mir gesagt: Günther, wie du den Unterricht gemacht hast, das war gar nicht schlecht. Frag ich ihn: Geht es besser? Sagt er: Ja, komm mit. Sind wir also in ein schwarzes Kammerl gegangen, wo er mir eine Super-8- Endlosschleife mit dem langsamen Flug eines Adlers gezeigt und gesagt hat: Jetzt kapierst du den Vogelflug!“ Günther hat sich danach sogar die Mühe gemacht, mit den Schülern nach Anklam in Mecklenburg-Vorpommern zu fahren, um dort den Vogelflug am Objekt zu studieren, fünf seiner Schüler wurden in der Folge Piloten. (Eine seiner Schülerinnen ist auf der Musikuni in Wien, ein anderer Schüler verwaltet die 14 Mio. teure Gerätschaften an der Filmakademie, und, und, und…. Was machen eigentlich andere Lehrer?)

Und noch was: Er ist im Orient-Express von Saloniki bis nach Konstantinopel gefahren - sein Vater war Eisenbahner -, auf der Spuren der Agatha Christie gewissermaßen, weil sein Nachname ja Agath ist. „Und jetzt sind wir immer noch erst bei drei Prozent von dem, was ich alles erlebt habe!“, sagt er. „Ich hab so ein schönes Leben, einfach nur schön!“ Und schön ist’s auch, wie er darüber redet.

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Abas