Andreas
Foto: Rebhandl
Andi ist 59, es geht ihm gut. Er wuchs ein paar hundert Meter neben meinem Elternhaus als Sohn des großen Weiß Ferdls auf, der Moosbauernteich lag zwischen unseren Häusern. Als die A9 gebaut wurde, so erinnere ich mich, war die Rede, dass ihnen ein Grundstück abgelöst werden sollte, weil die Autobahn wirklich direkt an ihren Fenstern vorbeigebaut wurde. Er besuchte wie ich die Volks- und Hauptschule in Windischgarsten und lernte dann beim Poppenwimmer, den wir alle Popperl nannten, Kfz-Mechaniker. Danach war er noch zwei Jahre lang im Lagerhaus Kirchdorf als Mechaniker tätig.
Ein Freund von ihm, der Freudenthaler Manfred, hatte da schon bei der ÖBB Lokführer gelernt, mit dem ist er damals öfter im Führerhaus mitgefahren und auch schon ein bisserl selbst gefahren, aber Psst: „Das hat mir getaugt, und dann hab ich mir gedacht: Okay, das schneid ich mir jetzt selber an.“ Er kündigte im Lagerhaus und fing bei der ÖBB am Oberbau an, „hab den Schotter zwischen die Gleise gestopft.“ Dann war er noch ein Jahr beim Verschub mit Güterwaggons, bevor er in Linz die 27 Monate dauernde Ausbildung zum Lokführer begann.
„Auf der alten 1142. Von der gibt es heute in Selzthal oder Graz noch drei, die war ein richtiger Büffel. Man fängt mit einer dieselstaatlichen Prüfung an, dann eine e-staatliche, dann kommen noch die ganzen Vorschrifts- und eisenbahntechnischen Prüfungen dazu…“
Die 1142 wiegt 86 Tonnen, und sie das erste Mal in Gang zu setzen, „war geil, von der Beschleunigung her brutal. Der Taurus heute hat 10000 PS, ein Flieger kann nicht wilder sein bei der Beschleunigung, alles, was am Tisch liegt, fliegt runter. Man kann sie langsam anfahren oder volle Kanne, wir fahren ja Metall auf Metall….“
Bis zu 450 Meter lang sind die Personenzüge, bis zu 700 Meter die Güterzüge. Die Prüfung hat er mit gutem Erfolg abgeschlossene, „damals musste ich das Lernen wieder lernen“, lacht er. Die Prüfungsstrecke war Linz-Salzburg.
Zunächst war er zehn Jahre lang in Linz stationiert, danach in Selzthal. Man teilte ihn auf der Weststrecke und der Pyhrnbahn ein, geschlafen hat er meist zuhause. Außer er musste schon ab 3 Uhr früh aufs Ross oder er stellte es erst um 1 Uhr morgens in den Stall. „Dann fährst du nimmer heim.“ Heute fährt er meist 2 ¾ Stunden auf der Strecke von Stainach bis Attnang-Puchheim durchs Salzkammergut, macht dort ein unbezahltes Päuschen (eine BU) von einer Dreiviertelstunde, und fährt dann wieder zurück, was so was wie ein Traum ist. Denn als passionierter Jäger ist er ans Beobachten und Schauen gewöhnt, und wenn er da beispielsweise die Weststrecke dahindonnert mit 230 km/h, dann sieht er dort nur noch Schallschutzwände, „und alle paar Minuten verschlägt es mir die Ohrwascherl, das ist furchtbar.“ Insgesamt hat er in 35 Jahren wohl so an die zwei Millionen Kilometer unter die Räder gebracht. Nur so zum Vergleich: Zum Mond sind es ca. 384.000 Kilometer.
2007 und 2014 warf sich jeweils ein Selbstmörder vor seine Lok, „im Durchschnitt legt sich in Österreich jeden Tag einer auf ein Gleis.“ Er selbst war in all den Jahren nie auch nur annähernd in Gefahr, depressiv zu werden, die relative Einsamkeit des Lokführers macht ihm nichts aus, im Gegenteil: „Ich mag das.“ Wenn neben ihm die ganze Zeit einer reden täte, dann wäre er vielleicht gefährdet durchzudrehen.
Insgesamt hat er eine gute Lebensentscheidung getroffen, denn er fing zu einer Zeit bei der ÖBB an, als der ÖBBler noch etwas gegolten hat. „Damit ist es heute vorbei, du bist nur noch eine Nummer.“ Das Gemeinschaftsgefühl, das sie früher durchgehend hatten, versuchen sie heute bei der Verabschiedung eines Kollegen in die Pension am Standort Selzthal noch einmal aufleben zu lassen, aber natürlich: „Früher hatten wir zwei Mal im Monat einen Dienstunterricht, danach gab‘s Bier.“ Heute? „Der eine ist dem Auto da, der andere trinkt überhaupt nicht.“ So ist es kein Wunder, dass von den ehemals 16 Wirtshäusern in Selzthal kein einziges überlebt hat. „Jetzt gibt es einen Container mit einem Bierautomaten, da kommen wir hin und wieder zusammen.“ Als er anfing, versprach man ihnen die Pension nach 35 Dienstjahren, dann mal mit 58,5 Jahren. Nun wird er am Ende 46,5 Jahre gearbeitet haben, wenn er mit 61,5 Jahren in Pension gehen darf.
Dann wird die Jägerei, die ihm heute Ausgleich ist, einen größeren Teil seines Lebens einnehmen. In den letzten 25 Jahren wird er „250 bis 300 Stück“ geschossen haben. „Du setzt dich hin, kommst runter, beobachtest das Gefüge der Rehe, die Chefin, den alten Bock, der sehr vorsichtig ist, weil sonst wäre er ja nicht so alt geworden.“
Am liebsten aber sind ihm „Hegeabschüsse, wenn ein Stück einen kaputten Lauf hat oder so was.“ Er hat sich zuhause eine Fleischbank hergerichtet, zerlegt dort die Stücke selbst, macht Wurst, Leberkäse oder Selchfleisch und verkauft an ein paar Freunde. „Man kann zum Eigenverbrauch acht bis 10 Stück verarbeiten.“
Das tut er mit Hingabe, so wie er seine Rösser noch ein paar Jahre mit Hingabe steuern wird.