Foto: Rebhandl
25.10.2026 UNGARN
Ab Cegled um 23.13
An Szeged um 00.47
Zug: FT7028
Mit dem FT7028 um 23.13 ab Cegled komme ich pünktlich um 00.47 Uhr im südungarischen Szeged an, das einen schönen, großen Bahnhof hat, der von reichlich Security besetzt ist und bewacht wird. Die interessieren mich zunächst nicht, denn ich habe fünf Stunden Aufenthalt. Und wenn ich schon hier bin, denke ich mir, will ich auch etwas von der Stadt sehen, selbst wenn es zum dichten Nebel dazu noch finster ist und nieselt. Ein paar Schritte werden mir gut tun!
Ich Wandersmann gehe also mit meinem Rucksäckchen einfach der Nase entlang, ich schaue ja nicht auf mein Handy, wenn ich irgendwo herum laufe, meide aber tunlichst dunkle Unterführung wie die rechter Hand und halte auch hier lieber links in Richtung der beleuchteten Kirchtürme, die ich mir einbilde, in der Ferne gesehen zu haben durch ein paar riesige Bäume hindurch, vielleicht zünde ich dort noch ein Kerzerl an. Bald komme ich auf einen breiten, geradeaus führenden Boulveard, der, so sagen es die Schilder an den Hauswänden, Boldogasszony sugárút heißt und den gehe ich gemütlich (in aller Ruhe und vollkommener Stille!) dahinmarschiere. Und da beginnt mir mein Spaziergang plötzlich zu gefallen, denn wann läuft man schon nachts durch Szeged? Vorbei an Wohnhäusern, wo die Menschenkinder schlafen und ich keinen einzigen schnarchen höre. Nicht mal Mäuse oder Ratten laufen über die Straße, und Autos kommen mir auch keine entgegen. Seltsam! Das soll die drittgrößte ungarische Stadt mit … Einwohnern sein? Eine Universitätsstadt noch dazu?
Heroes’ Gate in Szeged.
Plötzlich komme ich zu einem mächtigen Tor, dem Heroes' Gate oder Hősök kapuja, wie es auf Ungarisch heißt. Ich gehe hindurch, schaue hinauf zu den Fresken, und frage mich, in welcher Disziplin die Helden Helden waren? Der Mann mit Helm lässt mich das schlimmste ahnen, also wieder mal keine Helden der Nächstenliebe. Wie schade! Ich komme auf der anderen Seite des Tors an, und da sehe ich plötzlich ein riesiges Riesenrad (ja, riesig! Soll ich gigantisch schreiben?) den dichten Nebel durchdringen. Ich gehe auf den mächtigen Wächter der Nacht (hihi) zu und betrete den ebenso riesigen Dóm tér, von dem ich annehme, dass er Domplatz heißt – aber ich hab echt keine Ahnung! -, mit dem (riesigen!) Dom zu Szeged auf der anderen Seite, also gegenüber dem Riesenrad.
https://de.wikipedia.org/wiki/Dom_zu_Szeged
Es ist schön hier, ruhig, verregnet und beeindruckend. Und kalt! Hätte ich doch ein Jäckchen mitgenommen. Auf dem Platz vor der Kirche steht auch ein noch nicht aufgebautes Karussell, die kleinen Pferderl haben noch Zeit bis zum Dienstantritt. Ich denke an die wunderbare Sasa Hanten, deren Buch TALENT ZUM GLÜCK ich im Sommer gelesen habe, ein Roman über die Wiener Schaustellerfamilie Tusch mit Wurzeln in Köln, in der es eben um … Schausteller geht und um die Frage, wie wir Glück erlangen können. Langsam sehe ich eine – jawoll! – dunkle Gestalt auf mich zukommen, und was diese da im Gürtel mit sich trägt, ist entweder eine Gummiwurst oder eine Langwaffe. Mir geht ein wenig der ohnehin schon kalte Arsch auf Grundeis, denn ich kann kein Ungarisch, um mich als friedliebenden EU-Bürger auszuweisen, und wer weiß, ob der Englisch kann. Deutsch?
Riesenrad am Domplatz von Szeged
“You not here”, sagt er, und endlich erkenne ich - auch! - in ihm einen Security, der hier wohl auf die Pferdchen für das Ringelgspü und auf die gewaltigen Träger des gewaltigen – ja gut, gewaltig kann man sagen – Riesenrades aufpaßt. Also wenn ich schon nicht hier sein darf, dann verzieh’ ich mich halt wieder und gehe zurück zum Heroes’ Gate.
Dort in der Nähe sehe ich eine Art Würstelbude, die ich zwar ansteuere, die mich aber dann doch nicht anspricht, weil das Würstelbudenpublikum um diese Zeit des Tages wohl in jeder Stadt der Welt zu besoffen ist. So gehe ich die Straße, die daran vorbeiführt, weiter und komme, ohne dass ich dies im Sinne gehabt hätte, an eine Ecke, wo junge Menschen stehen, was mich nun tatsächlich überrascht. Sie stehen vor einer Art Pub, und als ich mich umdrehe, sehe ich das große, schöne Gebäude der Universität Szeged, die, lese ich später nach, ursprünglich 1872 in Klausenburg gegründet wurde und auf der etwas steht, das sie in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit als eine Art Superuni in Europa auszeichnet. Wir gratulieren!
Auf den Platz davor haben sie tatsächlich schöne Bäume in Bottichen gepflanzt und schöne Sitzgelegenheiten in einem Skaterpark aufgestellt, die ich aber nicht nützen kann, weil es regnet. Langsam werde ich müde, also entscheide ich mich, umzukehren und mir auf einer harten Bahnhofsbank ein paar Stunden Halbschlaf zu gönnen, Hauptsache warm und trocken.
Als ich zurückkomme, betrete ich den Bahnhof durch den Haupteingang, von vorne betrachet ist dieser Bahnhof tatsächlich eine wirklich beeindruckende Kiste mit Charakter - anders als die langweilig uniformen Bahnhöfe hierzulande, shame on you, ÖBB! Oder hat in letzter Zeit mal jemand auf einem heimischen Bahnhof solche Lüster gesehen?
Luster im Bahnhof von Szeged
Bald aber werde ich die hintere Seite, gewissermaßen das Arschloch des Bahnhofs, kennenlernen. Denn kaum, dass ich die Treppe hinaufgestiegen und mich in der oberen Halle auf einer Holzbank gemütlich eingerichtet habe, tritt einer, der entweder Tourette hat oder sonst eine seltene Krankheit, die ihn zu einem unfreudlichen Monster macht, auf mich zu und versucht mir auf Englisch, das er mit keinem Wort beherrscht – aber Ungarisch ist das auch nicht, was er redet! – begreiflich zu machen, dass ich mich hier verpissen soll. Bald sind ein paar andere da, und einer von denen kann immerhin vier Wörter Englisch: „You not sleep here!“
Ich gebe zu verstehen, dass ich als EU-Bürger und wegen der Wetterlage draußen auf jeden Fall hier schlafen werde, was nur immer mehr Typen in Leuchtweste anlockt, die haben sicher alle Orbán gewählt. Endlich kann einer richtig gut Englisch, und der ist sogar sehr sympathisch (und hat sicher nicht Orbán gewählt). Er versucht die anderen davon zu überzeugen, dass ich kein potenzieller Attentäter bin, der die Bude hier in die Luft jagen möchte – mit den zwei Unterhosen, die ich im Rucksack habe! –, allerdings vergeblich. Vürschrüft ist Vürschrüft, wie das auf Ungarisch vermutlich heißt, der Laden wird von 23.30 bis 2.50 gesperrt, obwohl an der Türe 02.50 h – 23.30 h steht.
Ich gebe mich der Übermacht geschlagen und verlasse den Bahnhof nach hinten hinaus zu den Gleisen, wo ein paar Züge herumstehen, in denen Putzpersonal die Heinzelmännchenarbeit verrichtet. Die zu fragen, ob sie vielleicht ein Plätzchen für mich haben – so wie früher auf den Bahnhöfen Wiens die abgestellten Züge mehr oder weniger offen für die Sandler waren - , scheint mir keine vielversprechende Idee. Also laufe ich nochmal drei Stunden durch Szeged, diesmal unfreiwillig und nur, um mich warm zu halten.
Als ich kurz vor dem Erfrieren bin, drücke ich um Punkt 2.50 Uhr die Türe zum Bahnhof auf, steuere meine Holzbank an und setze mich unter den strengen Blicken der nun wieder anwesenden Securitys darauf. Denn liegen, soviel hab ich verstanden, darf ich hier nicht, wenn ich nicht die Gummiwurst spüren möchte.
Um knapp vor 5 Uhr höre ich, wie draußen eine Diesellok gestartet wird. Das ist der RE7300, ahne ich, der mich nach Subotica bringen wird. Als ich ihn besteige, ist es im Inneren des Zuges so heiß, dass ich mich gleich wieder nach der Kälte auf dem Domplatz sehne, und der Gestank des verbrannten Diesels bereitet mir umgehend Kopfschmerzen.
Aber darum hab ich mir das Ticket ja gekauft! Wer will schon jeden Samstagmorgen im gemütlichen Bettchen dösen, wenn er sich auch Hitze, Kälte und Dieselgestank aussetzen kann?
Und als ich mich zwei Tage später aus Subotica kommend in der gleichen Diesellokgarnitur bei schönstem Spätherbstwetter der Stadt nähere, sehe ich – weil es hier so flach ist - schon von weitem die beiden Türme des Doms, dessen Anblick mein Herzerl erwärmt. 1879 ereignete sich, lese ich später nach, eine der größten Überschwemmungen in der Geschichte der Stadt, als die Theiß über die Ufer trat, und satte 90 Prozent der Häuser wurden zerstört.
Um Gott gnädig zu stimmen, bauten sie diesen Dom. Orbán wollte Gott dann aber auch nicht verhindern.
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DANKE IM VORAUS!