Abschied vom Café Engländer

Fotos: Rebhandl

Ins Wien-Museum damit!

Im Engländer habe ich gesoffen und zum Saufen wieder aufgehört, seit zwei Jahren gab es verlässlich Jever Fun, und schon lange fragte mich keiner der Herren Ober mehr, ob es nicht vielleicht doch ein Veltliner vom Waldschütz sein dürfe? Das Brezerl dazu habe ich betrunken und nüchtern bestellt, manchmal kam es steinhart und war wohl von gestern, manchmal so brennheiß, dass man es sich für morgen aufhob, aber geliebt habe ich es immer. Auch wenn es verrückt klingt, ein Brezerl als Mahlzeit zu lieben - es ging um das Ritual, um die Gewohnheit. Frag nach bei den Beef Tartare Essern, die nur dort Beef Tartare aßen. Und so war, was eigentlich unmöglich ist, dort möglich: Man konnte sich besoffen und nüchtern bestens unterhalten, und sag das mal über eine andere Gastrobude!

Jetzt ist es also endgültig vorbei mit der Herrlichkeit des Café Engländers, wie wir es liebten, so wie es war, wird es nicht mehr aufsperren. Und wer weiß, vielleicht steht ab morgen „Noch eine Rindfleischbude“ auf der Fassade des gar nicht schönen Hauses in der Postgasse, und der elegante Schriftzug daran und die roten Tafeln mit dem Namen des Cafés liegen – Mutmaßung! - bald irgendwo im Kübel herum, zusammen mit dem Gemälde, das die alte Engländerin zeigte, die nie geboren worden war. Für die Erfolgsgastronomen hat ja nichts einen Wert, außer das Geld und der Gewinn, der sich mit Geld messen lässt, das gute Gespräch, der vertrödelte Nachmittag, das ewige Stehen an der Bar wegen Liebeskummers wird in keinem Wirtschaftseminar als „wertvoll“ vermittelt, darum befinden sich ja die ganze Gesellschaft schon längst halb im Kübel.

Das Reservierbuch, das an der Theke lag, wird relativ sicher zum Altpapier kommen, wenn es sich nicht ein Fan – Ich! - unter den Nagel reißen sollte, dabei gehörte es eigentlich ins Wien-Museum, wo man Sehenswertes und Wiener Kulturgüter sammelt, das Schnurlostelefon, das immer auf dem Buch lag, gleich mit dazu. Und einen Karton mit Waldschütz-Weinen, die der Christian gegen Weihnachten und Silvester hin immer an die Stammgäste verteilte. „Café Engländer, Herr Roland spricht“, konnte man den Herrn Roland an der Budel ins Telefon sagen hören, jener Herr Roland, mit dem ich mich über all die Jahre hindurch konsequent gesietzt habe, während alle anderen mit ihm längst per Du waren. Erst neulich trafen wir uns zufällig auf der Straße, er in Zivil und ich in Eile, und wir beendeten lachend das auf Ewigkeiten angelegte Schauspiel: „Servas Roland!“ Da wussten wir beide noch nicht, dass wir uns gar nicht mehr zu Siezen brauchen würden. Gute Manieren und das gute alte „Sie“ – auch ab ins Wien-Museum!

Jetzt ist es Oktober, da griff der Herr schon zum Mäntelchen und die Damen zum Jäckchen, das man abends dort an der Garderobe aufhängen oder neben sich auf die schönen Bänke legen konnte. Für Weihnachten oder gar Silvester hätte man schon eine Aufnahme ins Reservierungsbuch beantragen und sogar fixieren können, denn hier musste man sich entscheiden und kam nicht durch mit „Ich überleg´s mir, vielleicht, mal sehen.“ Da fällt mir ein: Wie das ab nächster Woche während der VIENNALE sein wird, wenn man ins Gartenbaukino gehen und vorher und nachher im Engländer noch „Servas!“ und „Du a Servas!“ und „Du Gschissener a Servas!“ sagen wollte, weil nicht jeder so sympathisch war wie der ewige Stammgast Hansi Hurch (die Eva Sangiorgi ist natürlich auch extrem sympathisch!) – das  Foto mit dem Hansi Hurch https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Hurch drauf, das im Engländer in der Auslage stand, bitte auch ins Wien-Museum. Nur meinen schönen Armani-Mantel, den mir dort mal während der VIENNALE ein Gschissener gestohlen hat, hätt ich gerne wieder zurück.

Die Zeit des Gastgartens ist auch heuer wieder vorbei, wo wir uns manchmal vor Lachen fast angemacht haben (Architekt Kirsch und die Namen seiner „Außenminister“ – zum Niederknien kindisch!), und wo ich einmal dem Tod so nahe war wie nie zuvor. Hinter mir telefonierte einer mit Lautsprecher, ich drehte mich um und sagte irgendwas, nicht erkennend, dass es sich beim Angesprochenen um einen bekannten Berliner Schauspieler handelte mit zeitungsbekannt kurzer Zündschnur. Den Sessel, den er mir über den Schädel ziehen wollte, möge man bitte auch ins Wien-Museum bringen. Zusammen mit den Gulaschtellern, aus denen wir mal – während Corona – im hinteren Bereich des Lokals bei zugezogenen Vorhängen mein Gulasch aßen, das der Christian mich eingeladen hatte zu kochen und mitzubringen. Dass er es mit „das Beste, das ich je gegessen habe“ segnete, werde ich ihm nie vergessen. Dem Christian möge man bitte sowieso eine Ecke im Wien-Museum widmen.

Dem einen oder anderen konnte man über die Jahre beim Verfall zusehen, die Cordula Reyer https://de.wikipedia.org/wiki/Cordula_Reyer blieb eine Erscheinung, der Mariusz Demner ein Gentleman und der Luigi Schober bei seinem Achterl; der Nia über sein Schnitzerl gebeugt, und der Herr Klaus verlässlich mit Anzug und Seitenscheitel, mit oder ohne Entourage, mit oder ohne Laptop, aber immer mit Bier. Was werden sie nun alle machen? Und diese eine wunderschöne Frau mit ihren übergroßen Sonnenbrillen, dem perfekt geknoteten Halstuch, dem eleganten Kleid und den gewiss italienischen Schuhen (Fendi?) - wo wird sie in Zukunft schön sein können, da sein können, sein können?

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