Rudi Klein - der Leidvolle feiert
Foto: Rebhandl
Der Leidvolle feiert
„I hob vü Sach‘n“, sagt er, nachdem wir uns an einem letzten lauen Herbstnachmittag auf das Gestühl vor seiner Galerie auf der Wieden gesetzt haben. „Aber keine guten!“ Zuvor hat er auf mich mit Blick in die falsche Richtung gewartet, und von hinten sah er tatsächlich nicht gut aus, eher wie ein Strich. Als er sich aber umdrehte, hatte er das gleiche jugendliche Lachen wie immer im zerknitterten Gesicht mit der markanten Brille. „Polyneuropathie in den Füßen“, konkretisiert er eines seiner Leiden, als er das Tschickpackerl auf den Tisch legt und sich eine anzündet. 15 raucht er durchschnittlich noch am Tag, und aufhören wird er nicht damit. Dafür gibt er seine Galerie auf. Später soll noch eine kommen, die ihm das Austria Tabak Schild in der Auslage um 250 Euro abkaufen möchte. „Das hat diese bunten Lichter.“
Austria Tabak Schild ohne bunte Lichter
Zeichnen könnte seine Hand noch, „aber wollen tu ich nicht mehr.“ Der Kurs in der Schule für Dichtung, den er leitet, macht ihm noch Freude, und die Ausstellung zu 20 Jahre Lochgott auch. Die meisten Götter wohnen/leben/strafen/lieben/erschaffen (usw.) ja meist oben, er aber hat seinen gleich ins Loch gesteckt, wo man ihn nicht sehen kann und auch nicht, was er tut.
Erfunden hat er den Kerl (sagen wir halt, dass es einer ist), als er – jetzt wird es kurz unkorrekt – „mit einer furchtbaren Freundin und von der einer Freundin in Italien unterwegs war“, die ihm zum Geburtstag ein Osho-Buch geschenkt hat. „Das ist so ein indischer Guru-Oarsch, der Sätze abgesondert hat wie: ‚Wenn deine Freundin mit einem anderem schläft, musst du glücklich sein für sie‘. Trottel!“ Zuerst wollte er sich an diesem Osho mit einem gezeichneten Guru rächen, der ihm wohl irgendwie ähnlich geschaut hätte. Aber warum mit einem Guru kleckern und nicht gleich mit einem Lochgott klotzen?
Der kleine Rudi verbrachte die ersten vier Jahre seiner Schulzeit bei den Schulbrüdern im Halbinternat und war im Prinzip offen für Gott und den ganzen Zinnober darum herum. Dass er dann auch geschlagen wurde, hat in der Folge seinen Glaubenswillen aber weniger zerstört als der Priester, der sie Zwutschgis einmal in die Sakristei rief und … ihnen eine Haufen Oblatten hinstellte mit den Worten: „So, eßt´s!“ War das nicht der Leib Christi?, frug Rudi. „Aber geh!“, sagte der Priester. Da spätestens hat er verstanden, „dass an der Story irgendwas nicht stimmt.“ Damals war er auch Klassenbester, bis eine Mutter mit den Lehrern sprach, ab war es ein Mitschüler. Das hat auch seinen Glauben an eine Gerechtigkeit im Diesseits zerstört.
Dass sich sein Gott im Loch längst abgewandt hat von den Menschenkindern und der schönen Erde, auf der sie leben, davon ist er überzeugt. Ihm selbst wär das im Prinzip sogar wurscht, „aber ich hab drei Kinder!“, und für die wünscht er sich doch eine schöne Zukunft. Sich einfach zu verabschieden, wie das sein Vater getan hat - der sich umbrachte, bevor der Lungenkrebs ihn hätte umbringen können -, kommt daher nicht infrage. Aber! „Mein körperlicher Zustand wird immer schlimmer, ich komm‘ die Stiege nimmer rauf, ich brauch‘ eine andere Wohnung.“ Bis 1400 monatlich könnte er zahlen, also falls wer einen Tipp hat….
https://www.youtube.com/watch?v=ubMQtQIbELs
„Positiv eingestellt war ich nie“, sagt er. Die 70er Jahre immerhin erlebte er als leichtes Dahingleiten ohne materielle Sorgen, und „Zukunftsangst“ war ein Fremdwort. Bis 30 war er inskribiert, ohne etwas „geleistet“ zu haben, und ging es mit der Gesellschaft nicht trotzdem bergauf? Dann gestand er seinen Eltern, dass das nichts mehr werden würde mit ihm und dem Studium, und mit ihm und den Eltern wurde es auch nichts mehr. „Großes Glück hatte ich mit denen nicht!“ Sein Vater wäre immerhin „okay“ gewesen, „aber kulturell im Nirgendwo. Und meine Mutter ist mir am Oarsch gegangen, bis sie todkrank war. Da hab ich sie dann ein bisserl gepflegt und verstanden, dass sie selbst auch nie Herzlichkeit empfunden hat.“ Was – Schlag nach im Handbuch für Küchenpsychologie! – zur Folge hatte, dass er seine jeweiligen Freundinnen mit der Erwartung nach Herzlichkeit überforderte. In sein Sexleben - „So musst du es machen, Rudi!“ – hat sich Mutter aber Lochgott sei Dank nie eingemischt, „weil sie ja selbst keines hatten.“ Oder, fällt ihm plötzlich ein, und da wird er noch ein bisschen blasser: „Vielleicht doch?“
Bezahlt wurde er immer ordentlich, auch wenn er kurz nach dem Deix angefangen hat, der noch viel ordentlicher bezahlt wurde. Da fiel auch nicht ins Gewicht, dass er Falter sein Anfangshonorar von 79 Euro pro Zeichnung (zuerst natürlich in Schilling!) nie erhöht hat. Vom Thurnher war er aber aus einem anderen Grund enttäuscht, als dieser – da bekam der Falter gerade ein neues Layout – ihn nämlich anrief und so tat, als hätte Herr Klein eine neue Nummer – „Ich hab immer die gleiche gehabt!“ -, weswegen er ihm nicht schon vorher sagen konnte, dass er eine gute und eine schlechte Nachricht für ihn hätte. „Die schlechte: Deine Seite gibt es nicht mehr. Die gute: Es wird wöchentlich einen politischen Cartoon geben, um den du dich mit dem Rubinowitz und der Dusl bewerben kannst.“ Da zürnte er ihm wie ein zorniger Lochgott, „denn das war, wie wenn wer zu ihm sagen würde, er kann jede Woche einen Leitartikel einreichen, und dann schau‘n wir, ob ihn vielleicht der Klenk schreibt.“
https://www.derstandard.at/story/2000028483450/der-lochgott
Abgesehen davon: Wenn er seine 75 Jahre auf dem Buckel bilanzieren müsste, würde er sich auf einer Glücklichkeitsskala von 1 (richtig Oarsch) bis 10 (richtig leiwand) bei einer soliden 2 einordnen. „Ich war immer zweckpessimistisch, habe stets das Schlimmste erwartet und dann immer gefeiert, wenn es nicht eingetreten ist.“ Aber mit wem noch feiern, wenn die meisten Freunde tot sind? Und mit denen, die noch leben, muss er 15 Mal auf Whatsapp hin- und her schreiben, bis er endlich weiß, wann und wo man sich – vielleicht! - treffen könnte. Längst versteht er die früher jammernden Großeltern mit ihrem „Es ist ja keiner mehr da, der mich braucht!“ Auf dem Kunst- und Buchmarkt macht er selbst genau diese Erfahrung: „Niemand will mehr irgendwas von mir“, sudert er. Für ein neues Lochgott-Buch, das er eigentlich machen sollte, „hab ich im Moment keine Kraft.“ Also haut er vielleicht noch ein geschriebenes Buch mit vielen Fotos raus, worauf wir Lochgottgläubigen von guten Mächten wunderbar geborgen warten werden, während er seine Leiden pflegt.
Eine Botschaft hat er noch, und vielleicht verkündet er sie sogar stellvertretend für den Lochgott: „Durchhalten!“ Er zündet sich noch eine an und zieht den Rauch genussvoll ein, und dd dann ruft er die, die wegen dem Tabak-Schild kommen wollte, an und sagt ihr, dass er jetzt nicht mehr länger warten würde, weil er etwas länger die Stiege zu seiner Wohnung hinauf brauche. Und den Aufstieg werde er nun gleich beginnen, nachdem wir uns verabschiedet haben. Der Lochgott segne ihn in Ewigkeit, Amen.
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