Spaziergang: Durch die Quellenstraße hinein nach Favoriten

Foto: Barbara Seyr

Ein Gespräch über multiresistente Keime im Wasser begleitet mich in der Straßenbahnlinie 6 unter die Wiener Erde beim Verkehrsknotenpunkt Matzleinsdorferplatz. Von dort quält sich die Bim quietschend auf frei liegenden Schienen nach rechts wieder hinauf ans Licht, in den 10. Bezirk hinein, den nicht nur neu Zugezogene gerne „Hieb“ nennen, so wie sie das mit allen anderen Bezirken auch tun. Ein richtiger Pülcher und gebürtiger Ottakringer aber, einer, der ein paar lange Jahre am Schmalz in Stein gesessen ist, erklärte mir mal, dass man nur den 10. und den 16. Bezirk „Hieb“ nennen dürfe, alles andere wäre – würde man heute sagen! – kulturelle Aneigung.

Bei der Station Knöllstraße steige ich aus und trete in die Sonne eines sehr schönen, aber kühlen Frühlingsvormittages. Gleich blicke ich geradeaus auf eine der häßlichsten, weil vollkommen mit Russ versauten Fassade, im Gebäude selbst auf Quellenstraße Nr. 217 befinden sich ein Bahar Markt und das Nachhilfeinstitut Lernquadrat. Aber was, bitte, soll man in so einem hässlichen Haus lernen? Vielleicht, wie man irgendwann einen Handyshop aufsperrt?

Foto: Barbara Seyr

Gegenüber befindet sich jedenfalls schon einer von sehr vielen weiteren auf meinem Spaziergang entlang der Quellenstraße in östlicher Richtung, und daneben mit dem Conte auf Nummer 211-213 auch schon der erste Haarschneider.

Die Quellenstraße ist eine Kreisstraße mit einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h und mit nicht wenigen Bäumen bepflanzt, eine richtige Allee wird sie allerdings nie. Für eine O-W-Durchzugsstraße ist sie relativ ruhig. An ihrem Ende, das zugleich Beginn meines Spaziergangs ist, befinden sich die Reste eines 1911 erbauten Zinshauskomplexes, der nach seinem Bauherren, dem Fuhrwerksbesitzer Karl Weber, benannt wurde. Das Haus Nr. 158 wurde Ende der 1960er-Jahre für den Straßenbahndurchbruch vom Matzleinsdorfer Platz herauf in die Knöllgasse abgerissen, die Straßenbahn fährt nun entlang zweier Feuermauern herein in den 10. Bezirk, wovon eine mit einer flächendeckenden Malerei des Künstlers Nychos veredelt wurde.

Warum macht man das in Wien nicht öfter? Sieht gut aus!

Foto: Barbara Seyr

Im Haus Nr. 156 befand sich ein Kinosaal, der seit 1974 an die Evangeliumsgemeinde, eine evangelikale Freikirche, die zum Bund evangelikaler Freikirchen in Österreich gehört, verpachtet wurde. Heute scheint das aber mehr was Rumänisches zu sein, jedenfalls kann man sich darin über einen vielleicht misslungenen Haarschnitt beim Conte während eines “Serviciu Divin”, also vermutlich eines Gottesdienstes, am Duminica, also vermutlich an einem Sonntag, von 9-12 und 18-20 Uhr trösten. Wem Fleisch und Blut Christi aber gar nicht schmecken, der kann sich am Würstelstand gegenüber vom Eingang auch eine „Haaße“ reinstellen. Jubilate Deo!

Danach wird die Quellenstraße kulinarisch recht international mit Schwerpunkt Türkei und Spezialschwerpunkt Anatolien sowie Nebenschwerpunkt Arabien, wobei praktisch in jeder regionalen Bude auch Pizza angeboten wird: Kebap Duran vermag mich aber noch nicht zu locken! Lieber gehe ich in einen ersten Al-Arabi Mini Market, um zu schauen, wie man dort „Zweita Kassa!“ ruft - aber es tut niemand. Auf Nr. 203 befindet sich dann ein erster Burek-Laden, nämlich der Burek Z, und ich hoffe inständig, dass das nichts Russisches ist.

Foto: Barbara Seyr

Mein Spaziergang führt mich weiter in den Alois-Greb-Park (Nr. 148), der nach einem Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahre 1993 nach dem deutschen Jugendseelsorger gleichen Namens benannt wurde. Hallo!, frage ich mich: Kein Sozi? Im Internet, auf der sehr guten Seite www.geschichtewiki.wien.gv.at erfahre ich später: Als die Bevölkerung des Bezirks zu Beginn des 20. Jahrhunderts mächtig anwuchs, dachten die Katholen, sie müßten neue „Gotteshäuser“ errichten, 1914 wurde eine kleine Kapelle zwischen den Weberhäusern gebaut und hieß „Notkirche“, sie war zur Gänze mit Eternitplatten verkleidet und mit einer Orgel aus der Schönbrunner Schlosskapelle ausgestattet, die Einweihung erfolgte am 26. März 1922 durch Erzbischof Friedrich Gustav Piffl, das Gnadenbild "Maria, Königin des Friedens" von Wilhelm August Rieder war dafür extra aus der Georgs-Kathedrale der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt hierher überführt worden. Die „Ziegelbehm“, die weiter draußen am Wienerberg unter schrecklichsten Bedingungen die Ziegel für den Wiener Wohnbau brannten, wandten sich später freilich von Gott ab und den Sozis zu, die ihnen wenigstens ein paar Arbeitnehmerrechte bescherten.

Zwei stattliche Herren spazieren mit ihren Minihundsis gemächlich durch den Park. Minihundsis sind gerade der letzte Schrei, selbst härteste Rapper halten sie in der Hand und schmusen mit ihnen wie der Dalai Lama mit 12jährigen Buben. Und eben auch stattliche Einheimische, denen man ansieht, dass ihnen der Tag lang wird, und jetzt, wo die Tage wieder länger werden, immer noch länger. Ein aus Holz geschnitzter Igel und ein Hamster sollen in diesem Park die Kinder erfreuen (und vielleicht vom Handy ablenken), Bürgermeister Zilk hätte dort stattdessen von seinem Freund, dem Bildhauer Hans Muhr, einen weiteren der berühmtberüchtigen Muhr-Brunnen errichten lassen, aber auch so sind es über 80 geworden. Die benachbarte Volksschule Bernhardtstal (Nr.142) wurde 1903 erbaut als „freistehender Ständerbau, der reiches sezessionistisches Reliefdekor zeigt“ - wie es im Internet dazu heißt!

Der sehr braune Grünstreifen zwischen eingezäuntem Park und Asphalt der Straße Richtung dieser Schule ist mit einem weiteren Zaun begrenzt, was die Einheimischen scheinbar als Einladung missverstehen, auf dem Streifen ihren Mist zu deponieren. Die Menschen sind Schweine, daran ändert am Ende auch Bildung nichts: Die Volksschulen Knöllgasse, Quellenstraße, Herzgasse und Georg-Wilhelm-Papst-Gasse; die Mittelschulen Herzgasse, Quellenstraße und Gödelgasse; das Phönix Realgymnasium Knöllgasse und die BHAK Wien 10 Pernerstorfergasse sowie die Volkshochschule Favoriten, die Bücherei Hasengasse, das Berufsförderungsinstitut Davidgasse, das Interface Wien-Jugendcollege, der Campus Favoriten und die Musikschule Favoriten, die Teil des hier angesiedelten Bildungsgrätzels Triesterviertel - sie alle konnten daran nichts ändern.

Foto: Barbara Seyr

Ich quere die Straße Richtung Pfarrsaal der Röm kath. Pfarre Göttliche Barmherzigkeit auf Nr. 197 - Untertitel: Königin des Friedens -, die 1935 eingeweiht wurde und in die das oben erwähnte Gnadenbild verbracht wurde. Der Eingang der Kirche ist auf der anderen Seite des Gebäudes, wohin ich an ein paar Bettlern vorbei gehe. Ein Schild an der Kirche verspricht mir, dass sie geöffnet wäre, aber das ist sie nicht, womit man hier streng genommen gegen das Achte Gebot – Du sollst nicht lügen! - verstößt. Links vom Eingang liegt ein Stück Blech mit verheizter Kohle darauf: Hat hier jemand (einer der Bettler um die Ecke?) auf bescheidenstem Niveau gegrillt? „Kindermessen“ werden angeboten und ein „Titualarfest in der Göttlichen Barmherzigkeit.” Ein Teller Suppe und ein Stück Brot, die Klassiker in Sachen Barmherzigkeit, wären mittlerweile als Gaben der Kirchen allerdings wieder notwendiger als die „Aussetzung des Allerheiligsten“, von der am Ende niemand was hat.

Man sieht hier wirklich viele Arme, die sich den Einkauf im – Hurra! – ersten BILLA (Nr. 189-195), den ich auf meinem Spaziergang sehe, vermutlich nicht mehr leisten können. Gleich daneben befindet sich der erste SPAR, was ungefähr die Gestörtheit unserer Gesellschaft und insbesondere des Einzelhandels wiederspiegelt. Die Bäckerei-Konditorei Era ein Haus weiter (Nr. 187) ist in einem so häßlichen GEWOG-Bau aus dem Jahre 2009 untergebracht, dass ich dort aus reinem Mitleid ein „Kipferl mit Marmeladefüllung“ kaufe, das einen Euro kostet.

Foto: Barbara Seyr

Ich brauche Kaffee, um es hinunterzuspülen, und entscheide mich für das Café Susi und Strolch(i) auf Nr. 134 gegenüber, in dem ein sehr schöner Billardtisch steht. Interessant: Fälschlicherweise wird ja immer das „I“ an den „Strolch“ drangehängt, wenn vom 1955 herausgebrachten Disney-Film die Rede ist, und einer der wenigen, der wußte, wie man den Titel richtig ausspricht, war Jörg Haider.

Vor der Türe des Cafés wird mit gewohnheitsmäßiger Gier geraucht, der Gehsteig davor dient als Aschenbecher, die Chefin braucht eine neue Hülle für ihr „Galaxy 2, glaub ich … “, und ihre Freundin, eine „Schoarfe“, wie HC Strache sie nennen würde, im Hosenanzug mit ein paar Fillern im Gesicht, weiß, dass sie „beim Action sicher welche haben.“ Dann kommt auch noch „der Lazi“ daher, der „heute frei hat“, und bestellt sich einen Kleinen Schwarzen, aber „schwarz“ dürfe man ja angeblich nicht mehr sagen, „Hihihi und Hahaha“. Merke: Nur weil das Leben traurig ist, werden die Witze nicht lustiger!

Ich habe genug gehört und bezahle. Frisch gestärkt, passiere ich das Gebäude, in dem die Box Union Favoriten (Nr. 134-136) untergebracht ist, die zur ehemals schwarzen und jetzt türkisen „Union“ gehört. Boxen, denke ich mir in letzter Zeit öfter, würde ich gerne können, aber für´s Lernen bin ich zu alt, und vielleicht werden die Zeiten ja doch wieder mal friedvoller, sodass ich es eh nicht mehr lernen muss. Daneben auf Nr. 130 findet sich der nächste Friseur, er heißt Loki und ist für die Herren (Augenbrauenzupfen: 10 Euro) und die kleinen Kinder da, aber nicht für die Damen. „Augenbrauenzupfen“ ist in gewissen betont männlichen Milieus einfach Männersache!

Foto: Barbara Seyr

Im gleichen Haus ist auch die dritte Western Union Filiale auf einer Strecke von 100 Metern untergebracht. Das war wohl eine gute Business Idee des Hiram Sibley (1807–1888), der das Unternehmen 1851 in Rochester als The New York and Mississippi Valley Printing Telegraph Company gegründet hat. Gleich daneben auf Nr. 128 befindet sich die nächste Kirche, die Seventh Day Adventist Church mit Midweek Prayer jeden Mittwoch von 19 bis 20 Uhr. Auf Facebook hat die Kirche 789 Follower, vielleicht wegen der reizenden Sister Edit Ferencz, die dort so was wie die Predigerin zu sein scheint und mit Minigitarre etwas auf Ungarisch singt, das sich wie Halleluja anhört.  Die Botschaft dieser Kirchen ist also nicht so kompliziert, dass sie nicht auch von Frauen unter die Leute gebracht werden könnten (Achtung: Spaß! Kleiner Seitenhieb gegen die Katholen!). Auf einem anderen Clip sieht man Diego Enrique mit Mark de Rosas am Klavier das „Gebet des Herrn“ singen. Je schlechter die Zeiten, desto stärker boomt das Geschäft mit den Heilsversprechungen, und oft tragen die Herren, die sie verkünden, schlecht sitzende Slim fit Anzüge. Wer vom Jenseits aber die Schnauze voll hat, der kann sich gegenüber in der Golden Apple Shisha lounge (Nr. 177) in diesseitig gute Stimmung bringen, Hallelujah!

Weiter die Straße entlang: Eine Schlüsselzentrale und das Gym Body & Soul, das Gewichtsverlust ohne Diät verspricht, was auch keine schlechte Geschäftsidee ist angesichts der nach wie vor hohen Dönerbudendichte:  Kebap-Palace,  Döner’ci  oder Köy bieten aber auch alle Pizza an! Und dann entdecke ich eine wirkliche Überraschung: Trend & Stylefriseur Murat auf Nr. 155 schneidet auch die Haare der Damen! Erst auf Nr. 147  an der Ecke zur Sicardsburggasse findet sich mit Zum Goldenen Fisch der erste Chines‘, man sieht an ihm exemplarisch, wie schwierig es selbst für aggressive Supermächte ist, in gewachsene Dönerstrukturen einzudringen.

Foto: Barbara Seyr

Eines der wenigen noch erhaltenen Industriebauwerke an der Quellenstraße ist die ehemalige Maschinenfabrik H. R. Gläser auf Nr. 149. „Die ersten Teile des Gebäudekomplexes wurden 1888 und 1889 vom Architekten Oskar Laske für den Industriellen Hugo Reinhold Gläser errichtet“, heißt es dazu im Internet. „Aus dieser Zeit stammen Werkstatthallen, Schmiede, Kessel- und Maschinenhaus, das Wohnhaus für den Fabrikanten sowie alle Nebengebäuden, ausgeführt in schönster Sichtziegelbauweise, die Elemente einer verfremdeten Tudor-Neogotik mit romanisierenden Motiven enthält. 1899 gelangte die Fabrik in den Besitz des Industriellen Maximilian Luzatto aus Triest, im Jahr 1934 wurde die Fabrik an die Firma Franke und Scholz verkauft, im Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik durch zwei Bombentreffer beschädigt.“

Interessant!

Foto: Barbara Seyr

Im Café Mocca Brasil Espresso Rendezvous (Nr. 112) gibt es laut bemalter Fassade Reggae, Jazz, Blues und Soul, und wer weiß, vielleicht gibt es am Abend sogar Pizza, wenn man Glück hat? Die gibt’s jedenfalls in der La Traviata Pizzabude auf Nr. 108 und beim Syrer daneben auf 106. Die Gegend hier ist so international, so multikulti, sprich: so wienerisch, dass man sie einfach lieben muss, auch wenn man gerade kein Niederösterreichischer FPÖler ist, der sich über die Wiener und ihre Herkunft die Goschn z’reiß’n kann.

Auf  Nr. 104 lässt mich dann der Anblick eines Handyshops, der KEINE Western Union Filiale ist, an der Strategie des Unternehmens zweifeln.

Ich betrete Moda Roma (auf Nr. 145), wo man „schöne Anzüge und Schuhe ab 15 Euro“ verkauft, aber, so sagt mir der Chef im Souterrain, leider nur bis Größe 44, für meine Latschen hat er also nichts Passendes. Wie aber wär´s mit „schöne Anzüg“? Dunkelgrünglänzend oder silberglänzend oder dunkelrotglänzend, alle selbstverständlich „slim fit“ und um 100 Euro im Abverkauf sogar für einen von der Inflation Geprügelten leistbar? Trotzdem frage ich: „Letzte Preis?“

Foto: Barbara Seyr

Auf Nr. 92 ist die Kindergruppe Findus eingeklemmt zwischen zwei – erraten! – Handyshops, und gegenüber liegt gleich noch einer! Zwischen der Jagdgasse und der Leebgasse befindet sich auf der Quellenstraße vermutlich die höchste Mobilshopdichte der Welt, nur in Kairo habe ich mal unter einer Stadtautobahn mehr gesehen. Und dann NOCH EINER! Handy Alan ist im gleichen Haus Nr. 90 untergebracht wie das Cafe Alanya, und ich frage mich: Sind die verwandt? Bruder und Schwester vielleicht?

Der sich nun vor mir öffnende Quellenplatz beginnt mit einem Schlüsseldienst und einem Juwelier Zümürüt (Quellenplatz 8) sowie einer schönen Sitzgelegenheit, die von der “Grätzlmarie“ zum Verweilen errichtet wurde: Und zwar vorm „Alles Walzer, alles Wurst“-Würstelstand mit „Spezialbosna Salzburger Art“ um 4,90 (kulturelle Aneignung?) sowie Bisonwurst und „lecker Currywurst“ für die vielen deutschen Studenten, die es auch nach Wien zieht. Bei ihm wird aber auch endlich Bier gesoffen, und zwar ab frühem Vormittag, und wer während des langen Tages beim Saufen seine Gattin zuhause vergessen hat, der kann daneben am Blumen- und Bukettstandl einen Strauß Rosen für sie kaufen, um die Versöhnung einzuleiten. (Wer richtig gesoffen hat, holt lieber vorher vom Zümürüt noch ein paar Juwelen!)

Den Quellenplatz durchfahren täglich 3.900 Autos. Das erfährt man am Infopoint. Hier gibt es auch noch zwei Telefonzellen, die vielleicht sogar noch funktionieren, vielleicht aber auch nicht. Zum Besoffen-sich-gegen-die-Gleisscheibe-lehnen tun sie es aber auf jeden Fall! An jeder Ecke des Platzes findet man einen „Imbiss“ (mit Pizza!), und danach auf Nr. 82 endlich, endlich, endlich, endlich ein Wettlokal von Admiral.

Beim Emra Man Ecke Columbusgasse kann man sich „2- und 3teilige Anzüge“ kaufen „um 60 bis 100 Euro“, bei Rüya Mobilya Ecke Leibnizgasse Hochzeitskleider. Wer für die anschließende Hochzeitsreise noch einen Führerschein braucht, der kann ihn in der Fahrschule daneben machen. Änderungen an den Kleidern nimmt die Schneiderei Alkan vor.

Aus der Leibnizgasse heraus hört man schon die bekannten Marktschreier („Biiiiilllllliiiiiig! Aaaaaaagsioooon!“), die hier am Wochenmarkt Obst und Gemüse zu stadtbekannt günstigen Preisen anbieten. Die Stände gehören Leuten, die Namen wie Atanasov, Josifova, Ahmedov, Hyuseinova oder auch – seltener – Humann tragen.

Foto: Barbara Seyr

Wer genug vom Gschrei hat, der kann sich an der Ecke zum Viktor-Adler-Markt ins klassich eingerichtete Café Leibniz (Leibnizgasse 2) setzen oder bei Buffet-und-Imbiss Prokes gegenüber am Markt in der Frühlingssonne an den Stehtischerln (Stand 75-77) ab dem frühem Vormittag trankeln, wie das nicht wenige tun. Da ist überraschend viel Vormittagswodka dabei! Die Trankler wirken alle, als würden sie immer noch auf den seligmachenden HC warten, der am Viktor-Adler-Markt seine besten Shows abgezogen hat, bevor er unbedingt nach Ibiza fliegen musste. Er wird aber nicht mehr kommen - eben, weil er nach Ibiza geflogen ist! -, daherum muss gesoffen werden. Für den Defi(brilator) an der Wand daneben hat das rote Urgestein Harry Koppitz gesorgt, der in der Pension eine Defi-Offensive zu seiner späten Lebensaufgabe gemacht hat. Danke dafür!

Foto: Barbara Seyr

Beim Leopold Gumprecht – Die Pferdefleischerei (Stand 38) kaufe ich mir eine Pferdeleberkässemmel um 2,80, die sehr würzig und sehr gut ist. Der Viktor-Adler-Markt ist zu schön, um ihn den Rechten zu überlassen, und man fragt sich, wie die Sozis zu deppert sein können, um sich die Leute hier nicht wieder zurück zu holen. Vielleicht liegt es darin, dass sie selbst zu fett und zu satt und zu gierig und zu pferdeleberkäsig geworden sind und solche Plätze gar nicht mehr besuchen?

Foto: Barbara Seyr

Dass der Viktor-Adler-Markt früher Eugenmarkt hieß, liest man wieder auf der oben erwähnten Seite: „Ab 1850 wurde im Süden Wiens für die in Folge der Industrialisierung massenweise benötigten Arbeitskräfte Quartiere geschaffen. Auf diese Weise entstand die Siedlung vor der Favoritner Linie. Ihr Name leitete sich vom ehemals kaiserlichen Sommerschloss Favorita, dem späteren Theresianum, her. Bald bürgerte sich für die rasch wachsende Siedlung der Name Favoriten ein. Bereits ab 1865/66 bestand in Favoriten am Ort des heutigen Columbusplatzes ein täglich abgehaltener Viktualienmarkt, also ein Lebensmittelmarkt. 1874 wurde die Arbeitersiedlung als 10. Wiener Bezirk eingemeindet. Auf Wunsch des Bezirksausschusses wurde 1877 auf dem Eugenplatz, dem heutigen Viktor-Adler-Platz, ein neuer Lebensmittelmarkt eingerichtet.  Am 16. Mai 1882 genehmigte der Gemeinderat ‚mit Rücksicht auf die zahlreiche Arbeiterbevölkerung im 10. Bezirk, welche erst in den Abendstunden bei der Heimkehr aus der Arbeit ihre Einkäufe an Viktualien und dergleichen zu machen pflegt‘, dass die Viktualien- und die Blumenhändler auf den Märkten im 10. Bezirk ihre Waren bis zum Eintritt der Abenddämmerung verkaufen dürfen. Gleichzeitig wurde das Offenhalten der Fleischverkaufsstände an Sonn- und Feiertagen bis 11 Uhr vormittags genehmigt.“ Und dann liest man noch: „Zwischen 1938 und 1945 hieß der Kleinhandelsmarkt Horst-Wessel-Platz, nach dem von der Nazipropaganda verherrlichten SA-Mann.“ Und mancher, der hier eine Wahlkampfrede hält, will ihn gewiss wieder nach diesem Nazi benennen.

Foto: Barbara Seyr

Raus aus dem Markt und rechterhand hinein in die Favoritenstraße mit einem Orgelspieler auf einer Bank vorm Hörgerätegeschäft Neuroth und einem Ringelg‘spü vor mir für die kleinen G’schroppn. Gleich muss ich an das schöne Wienerlied „Schön ist so ein Ringelspiel“ denken:

Treten S’ ein, nur herein,
größter Jux für Groß und Klein!
Jeder Schimmel neu lackiert,
Werkel frisch geschmiert!
Eine Fuhr, eine Tour
kostet zwanzig Groschen nur,
eine Reise voller Spaß, ohne Reisepaß!
Jeder hutscht sich, wie er kann,
Vorwärts, geh’n wir ’s an !

Foto: Barbara Seyr

Der Reumannplatz ist das Zentrum Favoritens mit dem berühmten Amalienbad (Reumannplatz 23), über das man im Internet erfährt: „Im Jahr 1919 beschloss der Wiener Gemeinderat ein großes Programm zum Bau 20 städtischer Badeanstalten.  Das Bäderprogramm machte Wien innerhalb eines Jahrzehnts tatsächlich zur Bäderstadt, es stand im Zeichen einer präventiven Gesundheitspolitik. Nur wenige Wiener Wohnungen waren damals mit eigenen Bädern ausgestattet. Prunkstück des Bäderprogramms war der Bau des multifunktionalen Amalienbades. Über seine gesundheitspolitische Bedeutung sollte es Akzente im Stadtbild setzten und als Monument der Arbeiterkultur im "Roten Wien" verstanden werden. Das Bad wurde nach Plänen von Karl Schmallhofer und Otto Nadel erbaut und unter Bürgermeister Karl Seitz am 8. Juli 1926 eröffnet.“ Benannt ist es natürlich nach einer Sozi, und zwar nach der Gemeinderätin Amalie Pölzer, die 1919 als erste Frau in den Wiener Gemeinderat gewählt wurde. Steht man vor dem Bad, denkt man wehmütig daran, dass sich die Sozis einst tatsächlich um die Menschen gekümmert haben.

Die Lüftungsschächte für die U-Bahn sind in der Farben der Regenbogenfahne gehalten, was nicht jedem Ungarn, der sich hierher traut, gefallen wird. Und ebenso bunt wie der Regenbogen ist das Angebot beim Tichy am Reumannplatz 13, dem weltbekannten Speiseeiserzeuger, der seine Eismarillenknödel hat patentieren lassen und zum Exportschlager gemacht hat. Vorm Tichy steht eine Dame und redet mit zwei Wahrsagerinnen über den Hassan, der angeblich so viel lügt, dass wegen ihm angeblich schon zwei Damen einen Herzinfarkt erlitten haben. Es geht weiters um irgendwelche Bulgaren, die in Deutschland leben, und während der fünf Minuten, die ich das Gespräch belausche, bekomme ich einen ungefähren Eindruck davon, wie bunt und auch ein wenig geheimnisvoll und vielleicht sogar ein wenig unheimlich Wien in manchen Ecken ist.

Foto: Barbara Seyr

Beim Weitergehen schaue ich, ob ich diesen Hassan vielleicht irgendwo entdecke. Ich sehe aber nur eine voluminöse Bettlerin, die von mir gerne ein paar Netsch hätte, die ich aber leider selbst nicht habe. Meine letzten Münzen in der Geldtasche brauche ich für Fortuna Kino, das die Favoritenstraße stadtauswärts auf  Nummer 198 gelegen ist und ab 12 Uhr jeden Tag als Wiens letztes Pornokino mit Kassa, Personal und einer Jukebox im Foyer, für die man sich die dafür notwendigen alten Schillinge - wir erinnern uns: Das “schöne” Geld!” - beim Kassier holen kann. Dieser ist heute ein Mann, der allerdings als Frau empfindet, denn er/sie ist überaus gut gekleidet, seine/ihre Haare sind rötlich und lang, und sie/er ist sehr freundlich. 11,80 kostet die Tageskarte, Damen als Begleitung kommen gratis mit hinein. Und ein wenig Glück hat - wenn das für einen Glück bedeutet! -, der kann im Foyer auch eine bezahlbare Dame antreffen, die den Herren gerne in den Saal hinein begleitet.

Foto: Barbara Seyr

Man macht sich nicht einmal strafbar, wenn man sich in diesem Kino gegen Geld einen abwichsen oder blasen lässt, weil der überaus sympathische Besitzer Mario eine Konzession sogar für das älteste Gewerbe besitzt. Und wer richtig pudern will, der kann es hinten auf der extra dafür hingestellten Möblage gerne tun. Mario sorgt dort und überall sonst für Sauberkeit in seinem sehr schönen Kinosaal, keiner braucht also Angst zu haben, sich in den Dschuri von einem anderen hineinzusetzen. Ich lasse aber sicherheitshalber doch meinen Trenchcoat an, als ich mich in die zweite Reihe am Rand setze.

Mario hat im Keller ein Lager mit Tausenden DVDs, wobei er den Schwerpunkt seiner Sammlung auf Filme aus den 1980er Jahren gelegt hat, als auf Pornos, die, so deppert das heute auch klingen mag, oft noch so etwas wie eine Handlung hatten. Zumal italienische Pornos, in denen nicht selten ein gut aussehender Pfaffe mitspielt, der die Sünderinnen als Strafe für ihre Sünden in Grund und Boden pempert, sehr zur Freude der Sünderinnen. Heute aber läuft ein Streifen im englischen Original, der beinahe ein wenig Arthouse-Flair verströmt. Bound to desire ist ein Bondage- und Peitscherlfilmchen, das sich den Strauß Schani als Musikuntermalung gewählt hat. Als Achtzigerjahrefilm erkennt man ihn auch deshalb, weil die Ladys damals noch ein wenig Moos auf der Schiene gehabt haben, was ja heute vollkommen undenkbar wäre. Gestöhnt aber haben sie auch damals schon so müde, dass man nach spätestens 30 Minuten einschlafen muss, was das Problem aller Pornos ist: Dass sie die Spannung einfach nicht über 90 Minuten halten

Foto: Barbara Seyr

Bevor ich also wegbüsle, gönne ich mir ein Päuschen und gehe an die frische Luft, was hier möglich ist: Dass man immer wieder mal rausgeht und wieder reingeht, was in gewisser Weise das Rein und Raus auf der Leinwand abbildet. Der Wiener Himmel ist grau und wolkenverhangen geworden während der halben Stunde, die ich im Kino war. Bald wird es wohl zum Regnen anfangen, wasserresistente Keime werden sich vielleicht ausbreiten, und ich denke mir: Bevor die mich erwischen, fahre ich lieber mit der U1 ab dem Reumannplatz in die Stadt hinein zum Stephansplatz und gehe von dort aus ins Café Korb, wo ich die Zeitungen des Tages lesen werde. Und dann werde ich weiter marschieren über den Kohlmarkt, der teuersten Straße in Wien, die im Vergleich zur Quellenstraße rein gar nichts zu bieten hat. Außer außer, dass halt der Louis Vuitton in die teuerste Immobilie am Platz umgezogen ist, die dem Benkö gehört.

Aber wen interessiert‘s?

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