Spezialisten auf der Bowlingbahn

Foto: Rebhandl

Als sie an diesem Samstag im Juni um 8.52 Uhr am Wiener Westbahnhof ankommen, hat es bereits 25 Grad, es soll der bisher heißeste Tag des Jahres werden. Die „Specialists“, wie sich die Spieler mit Beeinträchtigung des Vereins Strike and Spare https://strikeandspare.at/specials/nennen, werden aber heute nicht schwimmen gehen, sondern zum Strike and Spare Bowlingclub Vienna im 17. Bezirk fahren, wo sie bei der Wiener Meisterschaft gegen Spieler der Blue Pins und Special Tigers antreten werden.

Eine Reportage

Am 09.07.2026 in der Wiener Zeitung

Behindertenbetreuer Thomas Steuding, 53, führt die Gruppe als zertifizierter EBF (European Bowling Federation) -Trainer an, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Romana Ortmann, die heute am Wettbewerb teilnehmen wird. Im Tross mit dabei sind noch sieben weitere SpielerInnen in ihren gelben Vereinsshirts sowie das Ehepaar Stadlbauer, das seinen Sohn Daniel anfeuern möchte. Raphael Baier ist anfangs der gesprächigste von ihnen: „Darf ich eine rauchen?“, fragt er, sobald wir den Bahnhof in Richtung U6 verlassen haben. Seine Beeinträchtigung rührt von einem Autounfall her, erklärt Steuding. „Bis 18 lebte er völlig normal.“ Seinen Wunsch nach einer Zigarette weist er allerdings zurück: „Gewöhn es dir lieber ab!“

Die Specialisten reisen aus Linz an, wo sie sich früher Pin Busters nannten. Sie trainieren im ocean park PlusCity in Pasching bei Linz, schlossen sich aber dem Strike and Spare Bowlingclub Vienna an, der sie unter dem Dach des Landesverbandes Wien Bowling beheimatet. Dieser richtet alljährlich die Special Needs League aus, wo an jeweils drei Tagen Einzeln-, Doppel- und Triowettbewerbe stattfinden. Heute wird noch die Wiener Meisterschaft ausgetragen. Drei Spiele zu jeweils zehn Frames werden alle SpielerInnen auf jeweils wechselnden Bahnen absolvieren müssen. In jedem Frame kann man mit höchstens zwei Versuchen 30 Punkte erreichen. Oberstes Ziel ist ein „Strike“, der alle Pins abräumt und den schnellen Wechsel zur nächsten Bahn ermöglicht.

Von der U-Bahnstation Alser Straße gehen wir hinauf zur Halle. Als wir diese endlich betreten, ist es dort angenehm kühl. Andreas Treiss verschwindet mit seiner organgenen Profi-Bowlingtasche sofort in Richtung der Umkleide, während Daniel Stadbauer, 40, beginnt, seinen Ball zu reinigen.

Strike and Spare Bowlingbahn in Wien.

Bettina Weiss hat schon „ein paar Medaillen gewonnen“, wie ihr Trainer erzählt, ist heute aber noch ein wenig still: „Mich freut es nicht“, sagt die 32jährige, die mit Trisomie 21 geboren wurde. Während der Woche lebt sie bei ihren Eltern „am Bindermichl in Linz“ und arbeitet untertags im “Café viele Leute” am Pfarrplatz. „Da wird gekocht, und ich bringe die Suppen und Eintöpfe zum Tisch.“ Das Geld, das sie dort verdient, spart sie, um in den Urlaub fahren zu können.

Bettina Weiss arbeitet im Café viele Leute in Linz

Bei den Blue Pins, die sich in ihren blauen Dressen um die ersten beiden Bahnen versammelt haben, „ist bei diesen Temperaturen heute ein wenig der Schlendrian drin“, erklärt deren Trainer. Obwohl sie hier Heimvorteil genießen, weil sie ihre Trainings in dieser Halle absolvieren. Teilnehmerin Christa Czerny hatte vor sechs Jahren vier Schlaganfälle hintereinander, „seitdem ist es aus mit normalem Bowling.“ Aber: Die 64jährige blickt nach vorne. „Es muss gehen!“

Das Niveau der Spieler, sagt Steuding, bliebe natürlich auch nach vielen Trainings sehr unterschiedlich. Darum würden die Spieler entsprechend ihrer Beeinträchtigung mit ihrem jeweiligen Handicap in Gruppen eingeteilt, sodass ein fairer Wettbewerb garantiert wäre. „Manche müssen mit dem Rollstuhl zur Bahn gebracht werden, anderen wird der Ball gereicht, nachdem sie mit dem Stock selbst dorthin gegangen sind.“ Und dann hänge es natürlich von der Tagesverfassung und der Gesundheit ab, wie sie spielen. Als Referee muss er schauen, „dass keiner dem anderen rein läuft!“ 63 Spielerinnen werden heute gegeneinander antreten. Die meisten für die Special Tigers, die in ihren roten Dressen die größte Gruppe bilden.

Unter der Leitung ihrer ehrenamtlichen Betreuerin Karin Schwarzinger wärmen sie sich bereits auf: „Nicht zu zahm beim Pendeln der Arme!“, feuert sie ihre Schützlinge an. „Und bitte schaut gerade aus! Guten Morgeeen! Alex! Die Hand ausstrecken!“ Alex beeindruckt mit seiner Körpergröße von knapp zwei Metern und später mit seinem Spiel: „Dabei bin ich gar nicht so gelenkig!“, wie er seine Betreuerin wissen lässt, als das Aufwärmen zu Ende geht. Diese erwartet dann vor allem eines von ihren Schützlingen: „Habt Spaß! Denn je mehr ihr euch verkrampft, desto weniger gut werdet ihr nachher bowlen.“

Um diesen Spaß zu gewährleisten, erklärt sie, würde großer Wert darauf gelegt, dass die Spielerinnen während der Woche von professionellen Trainern individuell geschult werden. „Denn wenn ich die ganze Gruppe zu einer Bahn stelle und jeder alle zwanzig Minuten dran kommt, geht sofort jede Freude verloren.“ Sie betreut seit 34 Jahren Menschen mit Bedürfnissen, und dies „mit Herz und Engagement“. Vor 30 Jahren fingen sie im Verein mit Kegeln an. Da dies aber kein Sport war, mit dem man an den Special Olympics teilnehmen durfte, wechselten sie zum Bowling. Sie dachte: „Ich hole ein paar Trainer!“, und begann mit drei Spielern. „Man muss sie positiv unterstützen und auf ihrem Level abholen.“ Sie selbst hat mit sechs Jahren zum Kegeln begonnen, kann ihren Spielern aber heute nichts mehr beibringen. „Ich habe kaputte Bandscheiben, darum bin ich längst in Bowlingpension.“

Die wohl größte Freude strahlt heute Andreas Treiss aus, der nun aus der Umkleide zurückkommt und die Bahn betritt wie der von John Turturro gespielte Jesus Quintana in The Big Lebowski. Die Baseballkappe trägt er verkehrt herum, unter seiner Lederjacke sieht man das Gelb seines Vereinsshirts, in seiner Tasche hat er Reserveshirts und seine beiden individuell angefertigten Bälle: Der 12 Pfund schwere Strikeball wird mit seiner Unwucht speziell für den ersten Wurf verwendet. „Mit dem geht man in die Vollen, er macht die berühmte Kurve, die man aus allen Bowlingfilmen kennt.“ Den Spareball hingegen wirft man auf der zu zwei Drittel geölten Bahn geradeaus, um die eventuell stehen gebliebenen Kegel zu eliminieren. Was heute nur Andreas trägt: Einen speziellen Handschuh mit Gelenksstütze. „Er schaut zuhause sehr viele Youtubevideos mit professionellen Spielern und studiert deren Technik“, weiß Steuding, „Ihm etwas zu sagen, hat daher gar keinen Sinn. Wenn ihm ein Ball nicht passt, dann spielt er nicht damit.“

Andreas Treiss, Champion

Die Bowlingbälle müssen von allen privat gekauft werden. Dann wird die Hand vermessen, um an diese angepasst die Löcher zu bohren. Preis: „Ungefähr 240 Euro.“ Das Equipment seiner Lebensgefährtin Romana kommt auf weit über 1000 Euro. „Da sind drei Strikebälle dabei, ein Spareball, die Bowling-Schuhe, die auch nicht billig sind - 250 Euro!“ Dazu die Wechselsohlen, die einen Gleitschritt vor dem Wurf erlauben und je nach Bahnverhältnissen gewechselt werden.

Herr Stadlober begleitet seinen Sohn Daniel zusammen mit seiner Frau, die heuer zum ersten Mal mitgefahren ist und während der drei Stunden im Bowlingcenter unermüdlich Badetücher mit gehäkelten Bünden verziert, die Ende des Jahres am Weihnachtsmarkt verkauft werden. „Ob ich zuhause häkle oder da, ist wurscht“, lacht sie. Linkshänder Daniel erklärt stolz, dass er heute „für Österreich“ spielen will. „Zu seinem 40er hat er sich eine große Geburtstagsfeier und eine Vitrine für seine Medaillen und Pokale gewünscht“, erzählt sein Vater. Sie wohnen in Kematen a. d. Krems, von wo aus sie zum Training in den ocean park fahren. Anders als Raphael und Andreas, die in der geschützten Werkstätte der Lebenshilfe Grillzünder herstellen, geht Daniel einer regulären Beschäftigung nach. „Er arbeitet seit 21 Jahren für 20 Stunden pro Woche in der Haustechnik des Altenheims Neuhofen, betreut dort das Lager oder fährt mit der Kehrmaschine. „Früher war er bei den Putzdamen dabei, aber die haben untereinander so viel gestritten. Das ist für Menschen mit Bedürfnissen nicht ideal.“  Mit dem Haustechniker hingegen würde er sich blendend verstehen. So wie meistens auch mit Daniel Holnsteiner, der aus Biberbach stammt. Sind sie beste Freunde? „Immer wieder“, lacht die Mutter. „Zeitweise schwierig“, ergänzt der Vater. Warum sollte es bei ihnen anders sein?

Die zwei Daniels.

Noch fünf Minuten bis zum Beginn der Meisterschaft, die Proberunde läuft. Die Hitze kriecht nun auch in die Halle herein und lässt die Finger der SpielerInnen anschwellen. Vor jedem Wurf wird die Hand nun beim Gebläse gekühlt. Nicole Wolfgruber von den Special Tigers freut es noch nicht wirklich: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich gewinne.“ Zu glauben, diese Menschen wären schon deswegen gut gelaunt, weil jemand mit ihnen bowlen geht, wäre ein Fehler. Ihre Probleme und Gefühlslagen sind wie bei allen – es geht mal besser, mal schlechter. Der großgewachsene Alex wirft die Bälle routiniert in die Vollen und klatscht jeden ab, der sich mit ihm freut. Daniel bewegt seinen Ball im Putztuch, während seine Mutter weiter häkelt. Romana Ortmann spürt bald ein leichtes Ziehen im Oberschenkel, wird aber trotzdem mit einem Schnitt von über 164 Punkten Wiener Meisterin. Auch die anfangs lustlose Betti wirft ihre Kugeln immer besser und landet schließlich auf Platz 2. Wenig überraschend entscheidet Andreas Treiss die Männerwertung seiner Gruppe für sich.  Bald kann er Youtubevideos von sich selbst ins Netz stellen.

Thomas Steuding ist da schon im Aufenthaltsraum, wo es brütend heiß ist. Nach Beendigung der Meisterschaft wird er schnell die Resultate in die Liste eintragen und die Rangliste erstellen. Zuvor müssen drei Kartons voll mit Pokalen auf einen Tisch gestellt werden. „Da kriegt tatsächlich fast jeder einen!“, sagt er. „Doch gibt es immer wieder die Situation, dass einer keinen bekommt.“ Um 11.30 Uhr haben die letzten ihre Würfe absolviert. Während er noch rechnet, kommt die Spielerinnen und freuen sich auf ihre Hühnerschnitzel. Die Pokalüberreichung ist ein Fest, die Freude ist groß. Und schon nächste Woche geht es weiter. Da finden in Wien die Nationalen Sommerspiele 2026 statt, und es wird wieder heißen: „Strike!“

Die Specialist im Internet: https://strikeandspare.at/specials/

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